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Österreichische Zeitschrift für Volkskunde
LXIV/ 113, 2010, Heft 3+ 4
alten Glacisbereich vor den Mauern der Stadt. Nicht nur, dass sich Kai-ser Karl VI. durch die Wahl seines eigenen Namenspatrons Karl Bor-romäus ins symbolische Zentrum seiner» Gelöbniskirche« rückte, dieArchitektur des Kirchenbaus formuliert darüber hinaus im Zeichen
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der soeben siegreich bestandenen Türkenkriege einen weltumspan-nenden Herrschaftsanspruch. Die beiden freistehenden Säulen zitierenmit ihren Reliefbändern die römischen Triumphsäulen Marc Aurels undTrajans, erinnern aber auch an islamische Minarette. Die Säulenvorhal-le übernimmt Bauformen des Pantheon und von St. Peter in Rom, dieflankierenden Glockenpavillons sind als fernöstliche Pagoden gestaltet.Insgesamt ergibt sich daraus eine grandiose politische Herrschaftsgesteder Gegenreformation, welche die Vormachtstellung des katholischenImperiums über den Protestantismus und die islamische Welt zum Aus-druck bringen sollte. Im Innern der Habsburgermonarchie zielte dieseHerrschaftsgeste auf die umfassende Rekatholisierung und Sozialdiszip-linierung der Untertanen, deren Seelenheil an die Anerkennung der reli-giös überhöhten Staatsmacht gebunden wurde. 14
In diesem Kontext ist auch die militärisch akzentuierte Marienver-ehrung zu sehen, wie sie insbesondere von den Kaisern Ferdinand II.,Ferdinand III. und Leopold I. propagiert wurde. Maria erschien als die» Generalissima<< der Habsburgermonarchie, die als die entscheidendeHelferin vor allem bei der Schlacht am Weißen Berg 1620 und schlieẞ-lich während der Türkenkriege galt. 15 Gnadenbilder dienten als symbo-lische Garanten dieses Schutzes und Katalysatoren der Frömmigkeit im17. und beginnenden 18. Jahrhundert. So berichtet eine zum 275. Jah-restag der Mariahilfer Wallfahrt erschienene Broschüre über den ma-riologischen Gründungsmythos des Kirchenneubaus. Während der Be-lagerung Wiens durch die Türken im Jahre 1683 habe der>> fromme undmutige<< Mesner Erhard Lampel das seit 1660 in der dortigen Kapelleaufbewahrte Gnadenbild Marias in Sicherheit gebracht. Und auch einweiteres Votivbild wurde durch wundersame Umstände vor der Zer-störung gerettet:» Als dann endlich unter dem Schutze Mariens Wiendurch die christlichen Heere von den Türken befreit war, schritt man al-
14 Vgl. dazu den facettenreichen Sammelband Rudolf Leeb, Susanne Claudine Pils,Thomas Winkelbauer( Hg.): Staatsmacht und Seelenheil. Gegenreformation undGeheimprotestantismus in der Habsburgermonarchie. Wien 2007.
15 Vgl. Coreth( wie Anm. 12), S. 60; Winkelbauer( wie Anm. 12), S. 194–201.