Jens Wietschorke, Sakraler Raum, Politik und die Ordnung der Heiligen
Blick, die über räumliche Anordnungen soziale Bedeutung generieren.Darüber hinaus lassen sie sich auch als» politische Raumtypen«< lesen, sowie sie neuerdings von dem Kunsthistoriker Ernst Seidl konzeptualisiertworden sind, um den» Zusammenhang von Strukturen und Wirkungs-weisen räumlicher Grundformen zu erhellen«." Im vorliegenden Beitragwird es daher vor allem um diese politische Dimension der räumlichenOrganisation sakraler Räume gehen. Insbesondere soll angedeutet wer-den, wie das räumliche Arrangement der Heiligen zur Formierung undDurchsetzung einer Idee vom» frommen Leben«< und der entsprechen-den gesellschaftlichen Ordnung benutzt wurde.
Zunächst aber noch einige Bemerkungen zum Barockkatholizismusin Österreich, der sich mit gutem Recht als die tragende Staatsideologieder Habsburgermonarchie bezeichnen lässt. Diese Ideologie manifestier-te sich in vielfacher Weise in religiösen Bauten und Kirchenausstattun-gen. Exemplarisch zeigen die beiden wohl bekanntesten Monumente derbarocken>> Pietas Austriaca«< ¹² in Wien, die 1693 fertiggestellte Pestsäuleam Graben und die 1716-1737 errichtete Karlskirche, wie der imperialeAnspruch der Habsburgermonarchie durch den Rückgriff auf religiöseDeutungsmuster gestützt und legitimiert werden sollte. So integriertdie Pestsäule den betenden Kaiser Leopold I. in das theologische Pro-gramm der Dreifaltigkeit und stellt über die Positionierung der Wappender habsburgischen Kernlande sowie der ungarischen und böhmischenKronländer eine sinnreiche Analogie her: Der Gottvater vorbehaltenewestliche Flügel der Säule repräsentiert das Heilige Römische Reichund das Haus Habsburg, die Darstellungen des Gottessohnes und desHeiligen Geistes am östlichen und nördlichen Flügel werden mit denLänderwappen der Stephans- und der Wenzelskrone verbunden. 13 Ge-steigert wurde dieser imperiale Gedanke im Bau der Karlskirche auf dem
11
Vgl. Ernst Seidl:» Politischer Raumtypus«. Einführung in eine vernachlässigte Kate-gorie. In: ders.( Hg.): Politische Raumtypen. Zur Wirkungsmacht öffentlicher Bau-und Raumstrukturen im 20. Jahrhundert(= Jahrbuch der Guernica- Gesellschaft, 11).Göttingen 2009, S. 9-20, hier S. 13.
12 Vgl. Anna Coreth: Pietas Austriaca. Österreichische Frömmigkeit im Barock. 2.Aufl. Wien 1982; Thomas Winkelbauer: Ständefreiheit und Fürstenmacht. Länderund Untertanen des Hauses Habsburg im konfessionellen Zeitalter, Teil 2. Wien2003, S. 185-239.
13 Vgl. Winkelbauer( wie Anm. 12), S. 188-192; Christine M. Boeckl: Vienna's Pest-säule: The Analysis of a Seicento Plague Monument. In: Wiener Jahrbuch fürKunstgeschichte 49, 1996, S. 41–56 und 295–302.
663