Bibliothek / EigenverlageÖsterreichische Zeitschrift für Volkskunde113 (2010) / N.S. 64Wietschorke, Jens: Sakraler Raum, Politik und die Ordnung der Heiligen

  
Aufsatz in einer Zeitschrift 
Sakraler Raum, Politik und die Ordnung der Heiligen : ein Rundgang durch die Wallfahrtskirche Mariahilf in Wien
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Jens Wietschorke, Sakraler Raum, Politik und die Ordnung der Heiligen

hungen in einer spezifischen Weise: Beziehungen zwischen dem Gött-lichen und dem Irdischen, den Heiligen als Fürsprechern, der Institu-tion Kirche, dem geistlichen Personal und den einfachen Gläubigen. Soschreibt die Historikerin Renate Dürr, es gebe» wohl wenig öffentlicheRäume in der Frühen Neuzeit, die so eindeutig hierarchisch strukturierterscheinen wie der Kirchenraum«.5 Doch mehr noch: Auch die sozia-len Beziehungen innerhalb der Gemeinde werden über die symbolischeOrdnung des Kirchenraums reguliert. Etwa im Hinblick auf die genaufestgelegten Sitzordnungen in dörflichen und kleinstädtischen Pfarrkir-chen, auf die Geschlechtertrennung, die durch sozialen Status und Fa-milienherkunft erworbenen privilegierten Sitzplätze oder die besondersim Protestantismus verbreiteten Logen, Emporen und»> Stühle<< der Ob-rigkeit, der Ratsherren und Zünfte. So haben Jan Peters und ClaudiaUlbrich in kleinen Studien herausgearbeitet, wie in der Frühen Neuzeitüber die Sitzordnung in der Kirche subtile Rangunterschiede öffentlichzur Schau gestellt wurden. Und Karl Kaser hat berichtet, dass in derKirche St. Peter bei Novi Pazar in Serbien jedes Haus des Dorfes einesogenannte sofra besitzt: eine Gruppe von Tisch und Bank, die nach Kri-terien der familiären Abstammung angeordnet ist. Denkt man weiter andie Positionierung bürgerlicher Epitaphien und Gedenktafeln, von ge-stifteten Altären oder Kirchenfenstern oder von Kriegerdenkmälern imKirchenraum, so wird vollends deutlich, dass der sakrale Raum in mehr-facher Hinsicht die Organisation sozialer Beziehungen repräsentiert unddamit der bestehenden gesellschaftlichen Ordnung religiöse Dignitätverleiht. Keine noch so kleine Nische innerhalb des Kirchenraums ent-kommt dieser Dynamik der Hierarchisierung und Bedeutungsproduk-tion. Was die Soziologin Martina Löw für die topologische Dimensionvon Kultur allgemein formuliert, hat also mit Blick auf sakrale Räume

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Renate Dürr: Politische Kultur in der Frühen Neuzeit. Kirchenräume in Hildeshei-mer Stadt- und Landgemeinden 1550-1750. Heidelberg 2006, S. 24.

Jan Peters: Der Platz in der Kirche. Über soziales Rangdenken im Spätfeudalismus.In: Jahrbuch für Volkskunde und Kulturgeschichte 28, 1985, S. 77-106; ClaudiaUlbrich: Zankapfel» Weiber Glossar ::: zum Glossareintrag  Weiber- Gestühl«. In: Axel Lubinski u.a.( Hg.): Historie undEigen- Sinn. Festschrift für Jan Peters zum 65. Geburtstag. Weimar 1997, S. 107–114.Vgl. dazu auch die älteren Beiträge von P. Iso Müller: Frauen rechts, Männer links.Historische Platzverteilung in der Kirche. In: Schweizerisches Archiv für Volkskun-de 57, 1961, S. 65-81, und Clemens Jöckle: Vom rechten Sitzen in der Kirche. DieEinrichtung der Gemeindegestühle reformierter und lutherischer Kirchen der Pfalzim 18. Jahrhundert. In: Der Turmhahn 26( 2), 1982, S. 2–15.

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