Bibliothek / EigenverlageÖsterreichische Zeitschrift für Volkskunde113 (2010) / N.S. 64Wietschorke, Jens: Sakraler Raum, Politik und die Ordnung der Heiligen

  
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Sakraler Raum, Politik und die Ordnung der Heiligen : ein Rundgang durch die Wallfahrtskirche Mariahilf in Wien
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Sakraler Raum, Politik

und die Ordnung der HeiligenEin Rundgang durch dieWallfahrtskirche Mariahilf in Wien

Jens Wietschorke

Die in drei Bauphasen zwischen 1686 und 1726 errichtete barocke Wall-fahrtskirche im sechsten Wiener Gemeindebezirk Mariahilf steht nichtunbedingt im Mittelpunkt des touristischen Interesses. Sie hat auch kei-ne kunsthistorischen Schätze aufzuweisen, die sie für Barockspezialistenbesonders interessant machen würden. Als ein exemplarischer Kirchen-bau der Zeit um 1700 kann sie aber als ein kulturhistorisches Museumder voll entfalteten gegenreformatorischen Frömmigkeit angesehen wer-den. Sie gibt nicht nur Auskunft über Wallfahrtswesen und Marienver-ehrung im Kontext der politischen und religiösen Konflikte des 17.undfrühen 18. Jahrhunderts, sondern in ihrem ikonographischen Programmsind auch die wichtigsten österreichischen Reichsheiligen dieser Epocheversammelt und dokumentieren die Affirmation des imperialen Gedan-kens durch religiöse Sinnstiftung. Zugleich aber lässt sich an der Wall-fahrtskirche zeigen, wie über kirchenräumliche Ordnungen der einzelneGläubige adressiert wird: Der durch Inventar und Bildprogramme mitBedeutung aufgeladene Raum legt dies ist ein Grundprinzip sakralerArchitektur bestimmte Dispositionen und Verhaltensweisen nahe. ImFolgenden möchte ich dazu einige allgemeine Überlegungen anbieten,um dann anhand eines Rundgangs durch die Mariahilfer Kirche etwasvon dem aufzuzeigen, was man die direktive Macht des ikonographischmarkierten Kirchenraumes nennen könnte. Durch die Verknüpfungraumsoziologischer, politik- und frömmigkeitsgeschichtlicher Überle-gungen soll sichtbar gemacht werden, dass konkreten Räumen und Or-ten und deren symbolischen Ordnungen für die Steuerung der popularenReligiosität zentrale Bedeutung zukommt. Umgekehrt können Kirchen-räume auf diese Weise als historische Quellen sozialer Verhältnisse undBeziehungen lesbar gemacht werden.'