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Österreichische Zeitschrift für Volkskunde
LXIV/ 113, 2010, Heft 3+ 4
einer mehr auf Folklore im Gegensatz zu einer mehr auf Ethnographiesetzenden Volkskunde differenziert worden sind. Solche Haltungen sindIndikatoren für den Status volkskundlichen Wissens und lassen erken-nen, dass um 1900( und noch bis in die dreißiger Jahre) neben einer his-torisch- retrospektiven Blickrichtung auch zukunftsorientierte Interessenan der jüdischen Volkskultur im Sinne einer Erneuerung der Traditionmitschwingen. Die Narrative der jüdischen Volkskunde sind daher auchim Kontext anderer Wissensformate, mitunter aber auch im Kontrast zudiesen zu sehen. Die Jüdische Volkskunde in den Jahren um 1900 zeich-net sich nämlich durch ein spezifisches Verhältnis zur Öffentlichkeit aus,sie bleibt nicht auf die engere wissenschaftliche Gemeinde beschränkt,sondern rekrutiert ihre Zuträger und zugleich ihr Publikum aus demkulturinteressierten jüdischen Bürgertum der Zeit. Margot Schindler hatanlässlich ihrer Spurensuche nach> Jüdischem< im Österreichischen Mu-seum für Volkskunde bereits einen Hinweis auf die Milieus gegeben; sienicht nur die Hauptakteure, wie sie sich auch in den Mitgliederlistendes Vereins für Volkskunde finden sind die eigentlichen Träger derJüdischen Volkskunde. Und sie verweisen wiederum auf den größerenZusammenhang der in der Zeit zwischen Jahrhundertwende und ErstemWeltkrieg verstärkt einsetzenden Ethnisierung und Kulturalisierung desJudentums durch die im Sinne einer Selbstbeauftragung handelnden kul-turinteressierten Milieus. Ihr Sprachrohr waren die bei den Gebildetenpopulären Medien wie» Die Welt«<( gegründet 1887) oder vor allem»> Ostund West<<( gegründet 1901), auf deren Seiten nicht nur dezidiert Volks-kundliches, sondern auch das literarisch und künstlerisch bearbeitetevolkskundliche Wissen breite Berücksichtigung fand.34 Samuel Spinnerhat in seinem Beitrag» The Museum of the Jews: Literature and Ethno-graphy in Germany and Eastern Europe« auf die Bedeutung der ethno-graphisch interessierten und informierten Literatur hingewiesen. Immerwieder ist also in Erinnerung zu rufen, dass ethnographisches Wissen
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Zur Bedeutung der Zeitschrift» Ost und West<< für die jüdisch- moderne>> Inventionof Tradition<< vgl. David A. Brenner: Marketing Identities. The Invention of JewishEthnicity in»> Ost und West«<. Detroit 1998. Das Thema Volkskunde setzt die Zeit-schrift ganz strategisch auf ihre Agenda:» Mit dem beginnenden neuen Jahrgangewird unsere Zeitschrift der jüdischen Volkskunde[ im Original gesperrt,Anm. B.T.] eine intensivere und ausgedehntere Pflege angedeihen lassen.<<[ Redakti-on]: Zur jüdischen Volkskunde. Ein Wort an unsere Leser. In: Ost und West. Illus-trierte Monatsschrift für modernes Judentum 5( 1905), H. 1, Sp. 1-6.