Jüdische Volkskunde?
Agenden, Hypotheken, Perspektiven
Bernhard Tschofen
Zur Erinnerung an Utz Jeggle( 1941-2009)
Jüdische Volkskunde- Begriffs probleme vorab
>> Die Volkskunde ist nicht jüdisch, nicht christlich, nicht moslimisch,nicht buddhistisch, nicht deutsch, nicht slovakisch, nicht englisch, nichtchinesisch, sondern eine Wissenschaft vom Menschen.«<' So formuliertebereits vor 113 Jahren der 1859 in Požega( Kroatien) geborene FriedrichSalomo Krauss. Und er hat damit die Position einer» völkisch nicht be-schränkten<< Wissenschaft in Anschlag gebracht, die sich als europäischund vergleichend verstanden wissen wollte. Wenngleich nicht eigentlichrelativistisch argumentierend, vertrat dieses junge Fach einen Univer-salismus, der sich schlecht mit den Ideen einer nationalen, ethnischenoder religiösen Anwendungswissenschaft vereinbaren ließ. Warum sichalso heute noch mit der Frage nach einer» jüdischen Volkskunde<< ³ be-schäftigen, wenn sie schon mehr als ein Jahrhundert lang obsolet zu sein
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Friedrich Salomo Krauss: Beiträge zur Geschichte der Volkskunde. In: Der UrquellN. F. 1( 10), 1897, S. 284 f.
Bernd- Jürgen Warneken:» Völkisch nicht beschränkte Volkskunde<<. Eine Erinne-rung an die Gründungsphase des Fachs vor 100 Jahren. In: Zeitschrift für Volks-kunde 95( 2), 1999, S. 169–196. Zu Krauss vgl. Ders.: Negative Assimilation. DerVolkskundler und Ethnologe Friedrich Salomo Krauss. In: Freddy Raphaël( Hg.):>>... das Flüstern eines leisen Wehens...«<< Beiträge zu Kultur und Lebenswelt europäi-scher Juden. Festschrift für Utz Jeggle. Konstanz 2001, S. 149–169; dort die weitereLiteratur.
3 Christoph Daxelmüller: Die deutschsprachige Volkskunde und die Juden. Zur Ge-schichte und den Folgen einer kulturellen Ausklammerung. In: Zeitschrift für Volks-kunde 83( 1), 1987, S. 1-20; vgl. Bastian Fleermann:» Völkische Fremdheit«<. Judenin der Wissenschaftsgeschichte der deutschsprachigen Volkskunde. In: Rheinisch-Westfälische Zeitschrift für Volkskunde 51, 2006, S. 43-56.