Stefan Litt, Das Normative als volkskundliches Narrativ
Eisenstadt waren bedeutende Gemeinden und für die frühneuzeitlich- jü-dische Geschichte von größerer Wichtigkeit. Auch wurden die Quellenvon den Bearbeitern jeweils in der originalsprachlichen Version heraus-gegeben, während die in diesem Beitrag vorgestellten volkskundlichenBeiträge sich mehr auf das Deutsche stützten. Dennoch waren die hiervorgestellten Arbeiten nicht unbedeutende Publikationen und stellen imNachhinein im Fall von Mattersdorf und Kuttenplan Glücksfälle dar, dawir sonst ohne die Teileditionen der Volkskundler auf diese Texte heutewohl keinen Zugriff mehr hätten.
Bemerkenswert ist, dass, abgesehen von Max Grunwald, die Bear-beiter von Editionen normativer Texte in den» Mitteilungen«< nicht ausDeutschland kamen, wo die Beschäftigung mit derartigen Quellen beiden Wissenschaftlern zur jüdischen Geschichte auch weniger angesehenwar. Eine Konzentration auf die schriftlichen Zeugnisse der jüdischenGemeindeautonomie lässt sich vor allem bei ost- und südostmitteleu-ropäischen Forschern feststellen. 20 Bei den Arbeiten von Grunwald,Flesch und Ochser im volkskundlichen Periodikum ist dieselbe Tendenzfeststellbar, stammten doch Flesch und Ochser aus Südostmitteleuropa.Bemerkenswert ist auch die Einstufung der edierten Quellen als volks-kundliches Material durch die Volkskundler selbst, was sie zweifelsoh-ne auch sind. Andererseits sind sie vor allem veritable Quellen zur Ver-fassungs- und Rechtsgeschichte des aschkenasischen Judentums in derFrühen Neuzeit, jedoch ist diese Klassifizierung äußerst selten explizitvorgenommen worden. Es ist zu vermuten, dass dies aus Furcht vor denzeittypischen, antisemitischen Vorwürfen gegen den in der Vergangen-heit angeblich existierenden jüdischen» Staat im Staate« unterblieb. DieHistorikerzunft insbesondere in Deutschland nahm demzufolge einendeutlichen Abstand zu Quellen dieser Gattung ein, während die volks-kundliche Beschäftigung ein sehr viel geringeres Konfliktpotenzial barg.
20 Stefan Litt: Selbstsicht und Historiographie: Die Edition innerjüdischer Quellen ausPolen und Deutschland um 1900. In: François Guesnet( Hg.): Zwischen Graetz undDubnow: Jüdische Historiographie in Ostmitteleuropa im 19. und 20. Jahrhundert.Leipzig 2009, S. 202-222, passim.
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