540 Österreichische Zeitschrift für Volkskunde
LXIV/ 113, 2010, Heft 3+ 4
Volksglaube als ein Teil des deutschen Volksglaubens interpretiert wer-den müsse, obwohl er früher speziell in Zeiten der» Bedrängnis«<, eine be-sondere Bedeutung für die Juden gehabt habe. Also schließt er daraus:
>> Nur eines kennzeichnet diese Rezepte, die hier ohne Auswahl ge-geben werden, und, wie man aus den Wiederholungen ersieht, einabgeschlossenes, bestimmtes Ganzes bilden, als spezifisch jüdisch.(...)[ Es] findet sich in unseren Rezepten, im auffallendsten Gegen-satz gegen den deutschen Volksglauben, nicht ein einziger Fall vonBlutentziehung.<«< ³8 Und daraus schließt er:» Abgesehen von diesenBesonderheiten, findet sich im jüdischen Volksglauben kaum etwasJüdisches.<< 39
Obwohl sich Grunwald vom spezifisch» Jüdischen« der von ihm auf-gezeichneten Rezepte und Zauber distanzierte, sondern viel mehr dar-auf hinwies, dass sie Teil der deutschen Volkskultur seien, nahm er sietrotzdem in sein Publikationsorgan auf und kategorisierte sie damit als>> jüdisch«<. Die Antwort auf diesen Widerspruch lieferte er selbst im Jahr1902, ebenfalls in den» Mitteilungen«<, in einem Beitrag zu» Biblioman-tie und Gesundbeten«<, also über Verwendung von Büchern, allen vorander Bibel, für die Zauberei. Auch wenn er im weiteren Kontext wie-derum mehrmals auf die Einflüsse anderer Kulturen hinweist, streichtGrunwald gleich zu Beginn heraus, dass sich die zeitgenössische Biblio-mantie auf»> gewisse Kreise«< der osteuropäischen und asiatischen Judenbeschränke, 40 obwohl ihre ersten Spuren aus biblischer Zeit stammten.Damit interpretierte er ein weiteres Mal die osteuropäischen und asiati-schen Juden als» authentisch« und die Tradition bewahrend, machte siealso- ganz im Gegensatz zu einer negativen Sicht der» Ostjuden<< – zumTeil der jüdischen Vergangenheit, zur Metapher für die jüdische Kul-tur, die in Mittel- und Westeuropa nicht mehr so existierte. In diesemKontext sind auch die Rezepte und Zaubereien aus der Sammlung» AusHausapotheke und Hexenküche« zu interpretieren. Einerseits sollten siedie tiefe Verwurzelung der jüdischen in der deutschen Kultur zeigen,andererseits aber auch, durch einen geschichtlichen Rückgriff bis in die
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Grunwald( wie Anm. 18), S. 9.
39 Ebd., S. 9 f.
40 Max Grunwald: Bibliomantie und Gesundbeten. In: Mitteilungen der Gesellschaftfür jüdische Volkskunde 10, 1902, S. 81-98, hier S. 82.