Barbara Staudinger, Der kategorisierende Blick der» Jüdischen Volkskunde<<
tum verortet/ definiert und konstruiert? Oder: Ist hinter dem Zufälligennicht vielleicht doch ein roter Faden zu erkennen?
Ich habe im Folgenden drei Ansatzpunkte gewählt, die ich nachfolgend ausführen will.
Erstens: Ende des 19. Jahrhunderts hatte sich der Blickwinkel aufdie vergangene jüdische Kultur gewandelt. Parallel zum Phänomen derMusealisierung, welches sich im Wunsch» jüdische Altertümer« in Aus-stellungen und Museen präsentieren zu wollen äußerte, 24 begann dieneu geschaffene Jüdische Volkskunde ihre Sammlung des>> Volkstümli-chen<< aufzubauen. Wie gleichzeitig durch eine gesteigerte Aufmerksam-keit, die den jüdischen Kultgeräten zukam, auch ein Bedeutungswandelfeststellbar ist, veränderten sich auch volkskundliche Inhalte durch ihreSammlung und Archivierung. Aus dem kulturellen und historischen Zu-sammenhang entrissen, aber als identitätsstiftende und zu bewahrendeVolkskultur entdeckt und in die Gegenwart transportiert, machten sieeinen Wandel durch, der mit dem Schlagwort» from cult to culture«<, alsoden Übergang von Kultur zum Kulturvermittler( und/ oder auch vomReligiösen zum Profanen) umschrieben werden kann. Sogar Themenwie die kaukasischen Bergjuden, die weitab vom Interessensschwer-punkt eines deutschsprachigen an jüdischer Volkskunde Interessiertenlagen, bekamen gerade durch ihren exotischen Glossar ::: zum Glossareintrag exotischen Charakter Bedeutung undkulturellen Wert. So standen sie für ein vermeintlich ursprüngliches,>> wildes<< Judentum, das sich unverfälscht- und in gewisser Weise auchungebildet— in den abgelegenen Bergregionen Aserbeidschans und Da-gestans erhalten hatte.25
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Die Tatsache, dass in den» Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde<<nicht nur, aber auch regelmäßig über orientalische Glossar ::: zum Glossareintrag orientalische und osteuropäi-sche Juden berichtet wurde, wirft wiederum einen Blick auf die Frage,welches Volk hier welcher Kunde dienen sollte. Denn waren das All-tagsleben und auch die scheinbar» einfache«, ursprüngliche Kultur derorientalischen Glossar ::: zum Glossareintrag orientalischen Juden oder der» Ostjuden« ein Thema für die JüdischeVolkskunde, so bestand kein gesteigertes Interesse- was nicht heißt,dass man gar nicht von ihnen berichtete an den kulturellen Hinterlas-
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Zur Geschichte jüdischer Museen vgl. die Beiträge in: Wiener Jahrbuch für jüdischeGeschichte, Kultur und Museumswesen 1, 1994/95.
Siehe etwa: Dorothea Weißenburg: Die kaukasischen Bergjuden. In: Mitteilungenzur jüdischen Volkskunde 11, 1908, S. 123–127 und S. 160-171.
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