Bibliothek / EigenverlageÖsterreichische Zeitschrift für Volkskunde113 (2010) / N.S. 64Staudinger, Barbara: Der kategorisierende Blick der »Jüdischen Volkskunde«

  
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Der kategorisierende Blick der »Jüdischen Volkskunde« : die volkskundliche Wissenschaft und das »Jüdische«
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Barbara Staudinger, Der kategorisierende Blick der» Jüdischen Volkskunde<<

ein>> Heimatrecht«< besäßen. 19 Allerdings zog Grunwald nicht mit demSchluss des Verbands nationaldeutscher Juden mit, der die Verbunden-heit mit der deutschen Kultur als eine ausschließliche interpretierte.20

Der Kampf gegen den Antisemitismus zieht sich bei Max Grun-wald nicht nur durch seine Biographie- nicht zuletzt zu diesem Zweckhielt er volksbildnerische Vorträge zur jüdischen Geschichte und Kulturan der Wiener Urania, bereits in seiner Hamburger Zeit war er Mit-begründer des Vereins zur Abwehr des Antisemitismus, 21 mit seinemSchwiegervater wirkte er in der 1885 gegründeten» Österreichisch- Is-raelitischen Union«( später» Union deutsch- österreichischer Juden<<) 22

er bestimmte auch sein wissenschaftliches Oeuvre. So war auch dieJüdische Volkskunde, wie er sie verstanden wissen wollte, ein Mittelim Kampf gegen den Antisemitismus. Gerade in der Betonung einergemeinsamen jüdischen Geschichte, Kultur und Identität sollten Diver-genzen überwunden und somit eine jüdisch- nationale Zusammengehö-rigkeit gestärkt werden. Forschungen zur Jüdischen Volkskunde sollteneine Möglichkeit sein, die Juden in ihrem kulturellen Umfeld zu veror-ten und sie als Antwort auf den Antisemitismus als Mitglieder dermodernen Nationalstaaten vorzustellen, allerdings unter Wahrung einereigenen jüdischen Identität.

So war die Formung einer neuen jüdischen Identität bzw. die Stär-kung derselben ein explizites Ziel der Jüdischen Volkskunde. Im Kontextmit der Neuorientierung der Wissenschaft des Judentums 23 beschritt dieJüdische Volkskunde neue Wege, indem sie Themen herausgriff und sichmit diesen beschäftigte, die bisher für die Wissenschaft des JudentumsTabu gewesen waren. So berichteten die» Mitteilungen zur jüdischenVolkskunde<< regelmäßig über jüdische Volkskultur, Bräuche und» Aber-glauben«< der osteuropäischen Juden, der Landjuden in Deutschland,

19

Paul Rieger: Vom Heimatrecht der deutschen Juden. 3. Aufl., Berlin 1924; A. Eck-stein: Haben die Juden in Bayern ein Heimatrecht? Berlin 1928. Siehe dazu die eu-phorische Rezension Max Grunwalds in: Menorah. Illustrierte Monatsschrift fürdie jüdische Familie 7( 1), 1929, S. 63.

20 Vgl. Matthias Hambrock: Die Etablierung der Außenseiter. Der Verband national-deutscher Juden 1921-1935, Köln, Weimar, Wien 2003.Memoiren Max Grunwald,[ CAHJP], Sign. P 97/3.

21

22 Vgl. dazu z. B. Rozenblit( wie Anm. 4), S. 158–164.

23 Vgl. Ismar Elbogen: Neuorientierung unserer Wissenschaft. In: Monatsschrift fürGeschichte und Wissenschaft des Judentums 62, 1918, S. 80-96.

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