Bibliothek / EigenverlageÖsterreichische Zeitschrift für Volkskunde113 (2010) / N.S. 64Staudinger, Barbara: Der kategorisierende Blick der »Jüdischen Volkskunde«

  
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Der kategorisierende Blick der »Jüdischen Volkskunde« : die volkskundliche Wissenschaft und das »Jüdische«
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532 Österreichische Zeitschrift für Volkskunde

LXIV/ 113, 2010, Heft 3+ 4

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stammenden Floridsdorfer Rabbiner und Reichsrat- Abgeordneten Jo-seph Samuel Blochgegen den Antisemitismus und begriff, wie vie-le seiner Zeitgenossen und in Auseinandersetzung mit Antisemitismusund jüdischem Nationalismus die jüdische Kultur Deutschlands als Pro-dukt des Kulturtransfers zwischen Deutschem und Jüdischem. 16 Im Jahr1900 schrieb er in einem Artikel» Aus Hausapotheke und Hexenküche<<,der in den» Mitteilungen für jüdische Volkskunde« erschienen war,Folgendes zum Thema» Kabbala«:» Schon die älteste Quelle, aus der wirdie Kenntnis dieser Mystik[ also der Kabbala] schöpfen, das Buch derFrommen<, zeigt, indem es selbst den Grundsatz aufstellt:> Wie sich'schristelt, so jüdelt's sich's<, welch verschwindend geringen Anteil das Ju-dentum an diesem Volksglauben hat, wie es echt deutsches Geistesgutist, welches hier oft nur lose die jüdische Maske vorhält, nicht selten siegänzlich verschmäht hat. Wie die Sprache der deutschen Juden, wie ihreMärchen und Sagen, Sitten und Bräuche, so erweist sich auch ihr Volks-glaube als kerndeutsch.<< 18

Kulturelle Leistungen sind also das Resultat von Beziehungen,von Transfers würden wir heute sagen, so dass jüdischer Volksglaubeals>> kerndeutsch«<, also als Teil einer deutschen Kultur bezeichnet wer-den kann. Damit veränderte sich nicht nur die Perspektive auf, sondernauch die Interpretation der jüdischen Kultur. Jüdische Kultur als Teil derdeutschen Kultur sollte dabei nicht zuletzt ein Statement gegen den An-tisemitismus sein, nach außen wie nach innen, das jeweils andere solltenicht mehr als fremd wahrgenommen werden, die( historisch und kultu-rell) tiefe Verwurzelung der Juden in der deutschen Kultur gezeigt unddamit bewiesen werden, dass Juden in den deutschsprachigen Ländern

16 Siehe insgesamt auch: Klaus Hödl: From Acculturation to Interaction: A New Per-spective on the History of the Jews in Fin- de- Siècle Vienna. In: Shofar. An Interdis-ciplinary Journal of Jewish Studies 25( 2), 2007, S. 82–103.

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Von 1898-1904 als» Mitteilungen der Gesellschaft für Jüdische Volkskunde<<, von1905-1922( Neue Folge) als» Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde<< und von1923-1929 schließlich als» Jahrbuch für jüdische Volkskunde« geführt; der Praktibi-lität halber werden sie im Text einheitlich» Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde<<genannt.

Max Grunwald: Aus Hausapotheke und Hexenküche. In: Mitteilungen der Gesell-schaft für jüdische Volkskunde 1, 1900, S. 1-88, Zitat S. 6 f.