Barbara Staudinger, Der kategorisierende Blick der» Jüdischen Volkskunde<<
ben, sein Singen und Sagen; nicht die Literatur, sondern, wenn wirso sagen dürfen, die ungeschriebene Literatur, nicht die Kunst, son-dern der kunstlose, naturwüchsige Kunsttrieb, nicht die Religion,der dogmatisierte, saktionierte Glaube, sondern der Volks- oder wieman auch zu sagen pflegt, der Aberglaube, nicht die Rechtsformen,sondern die Rechtsgebräuche, nicht der Staat, sondern die natürli-che, ursprüngliche Stammesgliederung und soziale Sonderung, dassind die Gegenstände volksthümlicher Forschung.<< 14
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In diesem Sinne präsentierte sich die Jüdische Volkskunde als eine Su-che nach Identität und Authentizität nach dem Echten, dem Wahrenund dem Verborgenen. Dieses ist für Max Grunwald, und das ist fest-zuhalten, aber auch Ergebnis der Auseinandersetzung eines>> Volkes«< zuanderen>> Nationen«<, wie Grunwald es nennt, und damit, modern aus-gedrückt, Ergebnisse des Kulturtransfers. Die Frage nach dem, was nun>> authentisch<< sei, führt zur Frage nach dem» Jüdischen«<. Denn das, wasals>> jüdisch<< definiert wurde, unterlag gerade in der Zeit des aufkom-menden Antisemitismus und des Krisenbewusstseins im mitteleuropäi-schen Judentum einem tief greifenden Wandel.
Die Suche nach der jüdischen Identität
Diese Suche nach dem» Jüdischen«, nach einer jüdischen Identität, hattemehrere Zielrichtungen, bzw. war in mehren Kontexten verortet. Nichtvon ungefähr hatte dies auch seine Entsprechung in der Biographie MaxGrunwalds.15 Er, ein gebürtiger Oberschlesier, der seit 1903 Rabbinerin Wien war, setzte sich als jüdischer Nationalist zum einen vehementfür die Integration der» ostjüdischen« Migrantinnen und Migranten ein,er kämpfte zusammen mit seinem Schwiegervater, dem aus Galizien
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Max Grunwald: Über die Volkskunde der Juden. In: Israelitische Monatsschrift 6,1897( Wissenschaftliche Beilage der Jüdischen Presse), S. 21-22 ,; 7,1897, S. 25-26;8,1897, S. 29-30, Zitat S. 21. Ganz ähnlich formuliert rund 35 Jahre später Franz J.Beranek: Jüdische Volkskunde. In: Zeitschrift für die Geschichte der Juden in derTschechoslowakei 3, 1932–1933, H. 2, S. 133-136, hier S. 134:» Alle volkskundlichenFormen sind als Auseinandersetzung des Menschen mit seiner Umwelt aufzufas-
sen.<<
Seine unveröffentlichte Autobiographie befindet sich in den Central Archives for theHistory of the Jewish People( Jerusalem)[ CAHJP], Sign. P 97/3.
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