Bibliothek / EigenverlageÖsterreichische Zeitschrift für Volkskunde113 (2010) / N.S. 64Staudinger, Barbara: Der kategorisierende Blick der »Jüdischen Volkskunde«

  
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Der kategorisierende Blick der »Jüdischen Volkskunde« : die volkskundliche Wissenschaft und das »Jüdische«
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528 Österreichische Zeitschrift für Volkskunde

LXIV/ 113, 2010, Heft 3+ 4

dischen Migrantinnen und Migranten aus Osteuropa, den so genannten» Ostjuden«<, für tiefgreifende Veränderungen innerhalb der jüdischenBevölkerung. Den» deutschen Staatsbürgern jüdischen Glaubens« stan-den die tiefgläubigen» Ostjuden« gegenüber, die sich

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mangels eineranderen, wie schon Joseph Roth schrieb- zur jüdischen Nationalitätbekannten. Die daraus resultierenden Konflikte, durch die soziale Prob-lematik verschärft die Zugewanderten waren zu einem nicht geringenTeil arm, wurden in die Gemeinden getragen. Für den noch jungenAntisemitismus und seine Anhänger stellten jedoch nicht nur die»> Ost-juden« eine Projektionsfläche dar. Der Nationalstaat hatte Völker alsAkteure seiner Geschichte gewählt und im Gefolge des Antisemitismuswurde begonnen, die gerade noch» deutschen Staatsbürger jüdischenGlaubens<<, als ethnisch, religiös und kulturell fremd zu sehen.

Diese Entwicklungen verursachten um die Jahrhundertwende nichtzuletzt Verunsicherung bzw. ein Krisenbewusstsein innerhalb der jüdi-schen Bevölkerung. Um die vermeintlich dem Untergang geweihte jüdi-sche Kultur der Landgemeinden und Osteuropas zu bewahren, wurdenInitiativen gegründet und jüdische Kultgeräte gesammelt, Bauwerke do-kumentiert aber auch immaterielle kulturelle Zeugnisse archiviert. Jüdi-sche Religion und Bräuche, von denen sich viele entfremdet hatten, wur-den musealisiert die Gründung jüdischer Museen seitens der jüdischenGemeinden fällt in diese Zeit- und verwissenschaftlicht; unter anderemdurch eine Jüdische Volkskunde. Jüdische Vereine wurden gegründet,entweder, um das» Jüdische« zu bewahren, oder um nichtjüdischen Ver-

6 Der Begriff» Ostjude« ist zwar zeitgenössisch, jedoch im deutschsprachigen Raum,vor allem durch den Antisemitismus negativ konnotiert. Da er dennoch als zeitge-nössischer Begriff benutzt wird, wird er in Folge unter Anführungszeichen gesetzt.Zum Begriff: David A. Brenner: Marketing Identities: The Invention of Jewish Eth-nicity in»> Ost und West<<. Wayne State University Press, 1998; Steven E. Aschheim:Caftan and Cravat: The» Ostjude« as a Cultural Symbol in The Development ofGerman Anti- Semitism. In: Seymour Drescher, David Sabean, Allan Sharlin( Hg.):Political Symbolism in Modern Europe: Essays in Honor of George L. Mosse. NewBrunswick( NJ) 1982, S. 81-99; Trude Maurer: Ostjuden in Deutschland: 1918-1933. Hamburg 1986(= Hamburger Beiträge zur Geschichte der deutschen Juden,12).

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Joseph Roth: Juden auf Wanderschaft. München, 3. Aufl. 2010, S. 17.

Vgl. Klaus Hödl: Als Bettler in die Leopoldstadt. Galizische Juden auf dem Wegnach Wien(= Böhlaus Zeitgeschichtliche Bibliothek, 27). Wien, Köln, Weimar21994, bes. S. 152–165.