Barbara Staudinger, Der kategorisierende Blick der» Jüdischen Volkskunde<<
folgte nicht von ungefähr. Vieles hatte sich Ende des 19. Jahrhundertsgewandelt, was hier nur in Stichpunkten wiedergeben werden soll: DasZentrum jüdischen Lebens hatte sich vom Land in die Stadt verlagert.Alte Landgemeinden, in denen noch im 19. Jahrhundert 80 Prozent allerdeutschen Juden lebten, wurden aufgegeben, die städtischen Gemeindenwuchsen durch die Neuzuwanderer. So wuchs etwa die jüdische Bevöl-kerung Wiens von 1880 bis 1910 von 73.222 auf 175.318 und damit aufweit mehr als das Doppelte heran – bei etwa 2,03 Mio. Einwohnern imJahr 1910 waren ca. 8,6 Prozent der Gesamtbevölkerung Jüdinnen undJuden.4
Kulturtransfers zwischen jüdischer und nichtjüdischer Kultur sorg-ten dafür, dass sich Normen und Werte veränderten. Und der Staatstellte wirksame Identifikationsangebote. Aus deutschen Juden wurden,stark verkürzt, deutsche Staatsbürger jüdischen Glaubens.5 In den meis-ten großen europäischen Gemeinden sorgten die starken Zuzüge von jü-
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schichte und Kultur der Juden 9( 1), 1999, S. 133-143; ders.: Die»> Gesellschaft fürjüdische Volkskunde« in Hamburg. In: Arno Herzig( Hg.) in Zusammenarbeit mitSaskia Rohde: Die Juden in Hamburg 1590 bis 1990. Wissenschaftliche Beiträgeder Universität Hamburg zur Ausstellung» Vierhundert Jahre Juden in Hamburg«<(= Die Geschichte der Juden in Hamburg 1590-1990, 2). Hamburg 1991, S. 361-382; ders.: Vergessene Geschichte. Die» Gesellschaft für jüdische Volkskunde<< inHamburg. In: Albrecht Lehmann, Andreas Kuntz( Hg.): Sichtweisen der Volkskun-de. Zur Geschichte und Forschungspraxis einer Disziplin. Gerhard Lutz zum 60.Geburtstag(= Lebensformen, 3). Berlin, Hamburg 1988, S. 11-31; ders.: JüdischeVolkskunde in Deutschland vor 1933. In: Wolfgang Brückner, Klaus Beitl( Hg.):Volkskunde als akademische Disziplin. Studien zur Institutionenausbildung. Refe-rate eines wissenschaftsgeschichtlichen Symposiums vom 8.- 10. Oktober 1983 inWürzburg(= Mitteilungen des Instituts für Gegenwartsvolkskunde, 12) Wien 1983,S. 117-142; daneben: Christine Schatz:» Angewandte Volkskunde<<. Die>> Gesell-schaft für jüdische Volkskunde in Hamburg«. In: Vokus. Volkskundlich- Kulturwis-senschaftliche Schriften 14, 2004, S. 121–134( online unter: http: //www.kultur.uni-hamburg.de/volkskunde/Texte/Vokus/2004-1u2/vokus2004-1u2_s121-134.pdf,
Zugriff: 01.12.2010).
Zu den Zahlen: Marsha L. Rozenblit, Die Juden Wiens 1867-1914. Assimilationund Identität(= Forschungen zur Geschichte des Donauraumes, 11). Wien, Köln,Graz 1988, S. 24.
Dass dies durchaus diskutiert wurde, zeigt die Debatte um Volk und Nation im Cen-tralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens. Vgl. Michael Brenner: Religi-on, Nation oder Stamm: zum Wandel der Selbstdefinition unter deutschen Juden.In: Heinz- Gerhard Haupt, Dieter Langewiesche( Hg.): Nation und Religion in derdeutschen Geschichte. Frankfurt/ Main u. a. 2001, S. 587-601.
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