Bibliothek / EigenverlageÖsterreichische Zeitschrift für Volkskunde113 (2010) / N.S. 64Hörz, Peter F. N.: »Treue zur Tradition heißt nicht, Mumien zu konservieren, sondern Leben zu bewahren«

  
Aufsatz in einer Zeitschrift 
»Treue zur Tradition heißt nicht, Mumien zu konservieren, sondern Leben zu bewahren« : was die Erforscher jüdischer Kultur im Burgenland suchen, finden, bewahren und pflegen woll(t)en und was sie damit bezweck(t)en
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508 Österreichische Zeitschrift für Volkskunde

LXIV/ 113, 2010, Heft 3+ 4

Lassen sich die bislang herangezogenen Arbeiten zur jüdischen Kul-tur in Deutsch- Westungarn nicht unbedingt in das Fach»> Volkskunde<<eingemeinden, so nimmt die Auseinandersetzung mit der burgenlän-disch- jüdischen Kulturgeschichte etwa zeitgleich mit dem Erscheinenvon Wachsteins und Wolfs Arbeiten dort eindeutig ethnographischeZüge an, wo sich Max Grunwald, Rabbiner und Vordenker einer>> jü-dischen Volkskunde« mit burgenländischen Verhältnissen beschäftigte:In seinem 160 Seiten langen Beitrag für das von ihm selbst herausgege-bene» Jahrbuch für Jüdische Volkskunde« des Jahrgangs 1924/25 legtedieser ausführlich Geschichte, Statuten und Steuerwesen der jüdischenGemeinde des damaligen Mattersdorf und heutigen Mattersburg dar, ³5beschrieb Architektur und Innenraumgestaltung der Synagoge und diedortselbst vorgefundenen Inschriften und Ornamente wie auch das ge-samte Spektrum der der Synagoge zuzuordnenden materiellen Kultur,bis hin zu den Beleuchtungskörpern.36

Auffällig ist bereits in diesen Beschreibungen, mehr aber noch inder Darstellung der Ausrufungen, Bräuche und Lieder, wie Grunwaldin seinem Text ständig zwischen Präsens und Imperfekt pendelt, wiealso der Autor jene Güter und Handlungen, die zum Zeitpunkt der Be-standsaufnahme bereits nicht mehr benutzt bzw. praktiziert werden, vonjenen, die zum Zeitpunkt der Bestandsaufnahme noch präsent gewesensein müssen, trennt. So erfährt der Leser etwa, dass die»[ m] ännlichenHausleute<<>> keine Kasserollen ausscharren und kein Herz essen dürfen[ Hervorhebung P.H.]« und noch in den zwanziger Jahren im jüdischenMonat Nissan( März/ April) keine Hülsenfrüchte gegessen worden sind,wohingegen der Brauch, zu Familienfesten» eigens zur Verteilung anarme Leute<<>> Flecken« zu backen, bereits ad acta gelegt worden sei. 37Und über spezifische Rituale im Kontext der Ernährung heißt es einer-seits im Imperfekt formuliert:» Am Freitag wurde[ Hervorhebung P.H.]früher als sonst zu Mittag gespeist, und zwar nicht bei Tische, sondernin der Küche wurde eine Mahlzeit eingenommen, bestehend aus Zuta-ten der Sabbatspeisen, wie Grünzeug, Grieben, Leber usw., oder einemEinkoch, wie Grieß, Apfelkräpfel u. dgl.<< Andererseits erfährt der Leser

35 Seit 1924 Mattersburg.

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Max Grunwald: Mattersdorf. In: Jahrbuch für Jüdische Volkskunde 1924/25, S.403-563.

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Ebd., S. 443.