Bibliothek / EigenverlageÖsterreichische Zeitschrift für Volkskunde113 (2010) / N.S. 64Hörz, Peter F. N.: »Treue zur Tradition heißt nicht, Mumien zu konservieren, sondern Leben zu bewahren«

  
Aufsatz in einer Zeitschrift 
»Treue zur Tradition heißt nicht, Mumien zu konservieren, sondern Leben zu bewahren« : was die Erforscher jüdischer Kultur im Burgenland suchen, finden, bewahren und pflegen woll(t)en und was sie damit bezweck(t)en
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Peter F. N. Hörz,>> Treue zur Tradition heißt nicht, Mumien zu konservieren,[...]<<

Eine Darstellung, die nicht zuletzt aus dem Kontext der Volkskunde he-raus, im Rahmen eines von Olaf Bockhorn geleiteten, in den Jahren 1991und 1992 durchgeführten Studienprojektes in Zweifel gezogen wurde,wiewohl in den seinerzeit von Studierenden des damaligen Wiener Insti-tuts für Volkskunde¹³ durchgeführten Zeitzeugen- Befragungen stets dasgute Verhältnis zwischen Nichtjuden und Juden vor dem» Anschluss<<hervorgehoben und deren Vertreibung im Frühjahr 1938 und ihre nähe-ren Umstände als unerwartetes und unerwartbares Ereignis dargestelltworden waren. Darüber hinaus eine Darstellung, die der Autor selbst inseiner Dissertationsschrift über» Jüdische Kultur im Burgenland« schondeshalb weitergehend hinterfragt hat, 14 weil zwischenzeitlich mehr undmehr Anhaltspunkte dafür ans Licht gekommen sind, dass die Vorstel-lung von einer multireligiösen Idylle im Burgenland vor 1938 so nichthaltbar ist. 15

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Historiker, Judaisten, Journalisten, kulturwissenschaftliche Laienund auchspät aber dochVolkskundler arbeiteten somit nach 1945mit ihren je eigenen Prädispositionen und Zugangsweisen zur Materie

13 Heute Institut für Europäische Ethnologie.

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Details zur Vertreibung der burgenländisch- jüdischen Bevölkerung und zu Fragendes Erinnerns, Vergessens, Verdrängens und Zurechtbiegens der Ereignisse von1938 vgl. auch: Peter F. N. Hörz: Jüdische Kultur im Burgenland. Historische Frag-mente volkskundliche Analysen. Wien 2005, S. 61-97.

So ist z. B. über das Jahr 1848/49 im Sterbebuch der Deutschkreutzer Gemeindedavon die Rede, dass das Jahr» unendliche Leiden«,» Pest«,» Schwert<< sowie das>> Judenhassergesindel, das uns verfolgt hat« mit sich gebracht habe. Vgl. SchlomoSpitzer: Die jüdische Gemeinde von Deutschkreutz( Unter Mitarbeit von MilkaZalmon). Wien, Köln, Weimar 1995, S. 47. Darüber hinaus lassen die schriftlich nie-dergelegten Lebenserinnerungen einzelner jüdischer Burgenländer darauf schließen,dass Juden und Nichtjuden auch im 20. Jahrhundert nicht ganz so harmonisch mit-einander lebten, wie dies bis in die jüngste Vergangenheit stets von den meisten Au-toren dargestellt worden ist. Z. B. berichtet Berth Rothstein davon, dass die Bewer-bungsgespräche seines Vaters in den zwanziger Jahren meist nicht länger als bis zurBeantwortung der Frage nach seinem religiösen Bekenntnis geführt hätten. BerthRothstein: Der»>> Bela von Güssing« aus dem Burgenland( Österreich) erzählt seine70jährige Lebensgeschichte( 1918–1988). Frankfurt/ M. 1988, S. 15. Oskar Schilleraus Eisenstadt hingegen verweist auf einen» Antisemitismus gesellschaftlicher Art«<,der sich etwa darin äußerte, dass ihm als Gymnasiast in Eisenstadt der Zugang zurkatholischen Studentenverbindung und zum Deutschen Turnverein versagt geblie-ben sei. Oskar Schiller: Nach Eisenstadt zurück war richtig. In: Salzburger Nach-richten, 14.10.1991.

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