Bibliothek / EigenverlageÖsterreichische Zeitschrift für Volkskunde113 (2010) / N.S. 64Hörz, Peter F. N.: »Treue zur Tradition heißt nicht, Mumien zu konservieren, sondern Leben zu bewahren«

  
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»Treue zur Tradition heißt nicht, Mumien zu konservieren, sondern Leben zu bewahren« : was die Erforscher jüdischer Kultur im Burgenland suchen, finden, bewahren und pflegen woll(t)en und was sie damit bezweck(t)en
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Österreichische Zeitschrift für Volkskunde

LXIV/ 113, 2010, Heft 3+ 4

erschütterte die Juden im Burgenland mehr als die Juden in den anderenBundesländern. Seit Jahrhunderten waren die burgenländischen Judenmit dem Land und mit den Leuten auf das engste verbunden. Burgen-land war ihre Heimat, und für das Burgenland hatten sie wie alle ande-ren Bewohner ihre Opfer gebracht und ihr Blut hingegeben. Jetzt aber,nach dem sogenannten Anschluß, wurden sie durch die nationalsozia-listische Doktrin des Antisemitismus über Nacht zu Parias erklärt, vonallen gemieden und aus der burgenländischen Volksgemeinschaft ausge-stoßen.<< 10

Den wenigen, vor allem in den achtziger und frühen neunziger Jah-ren des vergangenen Jahrhunderts erhobenen kritischen Stimmen, wel-che Konflikte vor 1938 thematisierten und die» Plötzlichkeit« des Anti-semitismus in Zweifel zogen," wurde das über Jahre hinweg wieder undwieder reproduzierte Bild einer multikulturellen Musterlandschaft ent-gegengestellt, welche von den Nationalsozialisten zerstört worden sei,wobei meist impliziert wurde, dass diese von außen gekommen bezie-hungsweise plötzlich und aus unerklärlichem Grunde da gewesen seien. 12

10 Jonny Moser: Einleitung zu Kapitel VII. Die Juden. In: Dokumentationsarchiv desösterreichischen Widerstandes( Hg.): Widerstand und Verfolgung im Burgenland1934-1945. Wien 1979, S. 294.

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Z. B. Roland Widder: Die» Unschuld vom Lande<<- Argumente gegen die Plötz-lichkeit. Eine sozialpsychologische Annäherung an das Burgenland vor 1938. In:Burgenländisches Landesarchiv( Hg.): Burgenland vor 1938. Vorträge des Symposi-ums>> Die Auflösung des Burgenlandes vor 50 Jahren«. Eisenstadt 1989, S. 38–58.Genau dies impliziert freilich auch die oben zitierte Passage aus dem Text von JonnyMoser( wie Anm. 10), was zumindest auf den ersten Blick erstaunlich ist, weil dasDokumentationsarchiv des Österreichischen Widerstandes seinem Selbstverständnisnach durchaus kritisch mit der Frage nach den österreichischen» willigen Helfern<<umzugehen versucht. Auf den zweiten Blick allerdings ist Mosers unkritischer Blickauf die burgenländischen Verhältnisse vor 1938 durchaus verständlich, weil einerseitsin Rechnung zu stellen ist, dass Moser im Zeitkontext der späten siebziger Jahreargumentiert, andererseits, dass Mosers biografische Erfahrungen als vertriebenerjüdischer Burgenländer die Erinnerungen an Kindheit im Burgenland entscheidendmit geprägt haben. Seine Erinnerungen an Vertreibung und Migration hat Moser- eingebettet in historische Zusammenhänge in einem umfangreichen autobiogra-fischen Werk niedergelegt: Jonny Moser: Wallenbergs Laufbursche. Jugenderinne-rungen 1938-1945. Wien 2006. Zum Selbstverständnis des Dokumentationsarchivsvgl. Brigitte Bailer- Galanda, Wolfgang Neugebauer: Das Dokumentationsarchivdes Österreichischen Widerstandes. In: Dokumentationsarchiv des ÖsterreichischenWiderstandes( Hg.): 40 Jahre Dokumentationsarchiv des Österreichischen Wider-standes 1963-2003. Wien 2003, S. 26-37.