Aufsatz in einer Zeitschrift 
Gott, Gemeinde, Mitmensch : Versöhnungsrituale im jüdischen Spätmittelalter
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Österreichische Zeitschrift für Volkskunde

LXIV/ 113, 2010, Heft 3+ 4

Maharil, Rabbiner in Mainz bis zu seinem Tod 1427, in seinem SeferMinhagim:» Es ist Brauch in Aschkenas, dass sich die ganze Gemeindemit 40 Geißelhieben geißelt, in der Synagoge nach dem Mincha- Gebet,denn dadurch gibt er es seinem Herzen ein, von den Sünden, die in seinerHand sind, zu Gott umzukehren.« Darauf zitiert Maharil seinen Leh-rer Rabbi Abraham Klausner von Wien( gestorben 1408):» Am Abenddes Jom Kippur pflegt das Volk zu geißeln, und der, der gegeißelt wird,sitzt nicht[ und steht nicht, so die Minhage Klausner], sondern er beugtsich vor, und wenn er gegeißelt wird, sagt er das Vidduj aschamnu( dasBekenntnis, wir haben gesündigt).40 Und der, der schlägt, sagt das wehu- rachum(» und Er ist barmherzig«)[ und zählt 3 mal 13 Absätze, so einZusatz]. Und man schlägt mit einem Riemen aus Kalbsleder.<< 41

Im Machsor Vitry des Simcha von Speyer vom Anfang des 12.Jahrhunderts findet sich außerdem die Anweisung,» mit aller Kraft«<, bekol kocho, zu schlagen. Nach Salo Wittmayer Baron ist diese Quelle ge-meinsam mit dem Gebetbuch des Rabbi Schlomo ben Izchak von Troyes( Sidur Raschi), Simchas Lehrer, der früheste Hinweis auf die Geißelungam Jom Kippur. Wie schon bei der oben erwähnten Auffassung derChasside Aschkenas, dass zwischen Sühne und Buße eine Entsprechungherzustellen sei, ist auch bei dieser kollektiven Buße am Jom Kippurkein Vorläufer im frühen rabbinischen Schrifttum vorhanden. Deshalbnimmt auch Baron hier eine Übernahme von christlichen Bräuchen an.42Der Talmud kennt dieses Ritual nicht.

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Dem Minhag des Rabbi Eisik Tirna( 1. Hälfte des 15. Jahrhunderts in Tyrnau/ Na-gyszombat, Ungarn) zufolge ist das Sündenbekenntnis in der Ich- Form zu sprechen,wie es auch Juspa Schammasch in seinen Minhagim übernommen hat: Juspa Scham-masch: Minhagim deKehila keduscha Wormaisa, 1. Teil. Jerusalem 1988, S. 173 f.,Erew Jom Kippur, mit Anm. 34.

Shlomo Spitzer( Hg.): Sefer Maharil, Minhagim schel Rabenu Jakob Molin. Je-rusalem 1989, Hilchot Erew Jom Kippur, S. 317, Nr. 5. Der zitierte Minhag vonAbraham Klausner in Jona J. Dissen( Hg.): Sefer Minhagim le- Rabenu AbrahamKlausner. Jerusalem 1978, S. 27, Nr. 34.

Salo Wittmayer Baron: The Jewish Community. Its history and structure to theAmerican Revolution, Bd 2. Philadelphia 1945, S. 225.