Aufsatz in einer Zeitschrift 
Gott, Gemeinde, Mitmensch : Versöhnungsrituale im jüdischen Spätmittelalter
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Martha Keil, Gott, Gemeinde, Mitmensch

von den Frauen zum Zweck der Vermeidung jeder» fleischlichen Versu-chung<< fällt sowohl in frühen christlichen Bußbüchern als auch immerhin von verheirateten Rabbinern verfassten- Sefer Chassidim auf. 30

- im-

Öffentlicher Raum und Symbolik

Wie in allen Ritualen dieser Kategorie ist auch bei den beschriebenenStrafritualen die freiwillige Unterwerfung Voraussetzung für die er-strebte Verzeihung und Versöhnung. Zur Erhöhung der Wirksamkeitund der Akzeptanz der Zielgruppe verlangen die Rituale eine möglichstgroße und qualifizierte Öffentlichkeit und einen Raum, der dem sakra-len Charakter des Geschehens Rechnung trägt. Diese Ansprüche erfülltein einer mittelalterlichen jüdischen Gemeinde nur die Synagoge. Hiergalt es aber, eine Diskrepanz zu lösen: Die Synagoge war und ist nichtnur der Hauptraum der religiösen und weltlichen Öffentlichkeit, son-dern auch ein Raum, in dem den Gemeindemitgliedern auf vielfältigeWeise, etwa durch die Sitzordnung oder durch rituelle Handlungen rundum die Toralesung, Ehre erwiesen wird.³¹ Ein Teil der Strafe für schwereSünder bestand aber gerade darin, sie aus diesem Raum der Ehre auszu-schließen. Das beschriebene Strafritual des Mörders Simcha fand daherzwar in unmittelbarer Nähe der Synagoge, nämlich in ihrem Eingangs-bereich statt, aber nicht im Hauptraum selbst. Ob auch ein männlicherEhebrecher eine öffentliche mündliche Mechila durchführte, berichtetder Sefer Chassidim nicht, und dies scheint auch angesichts der» nur«< mo-ralischen und nicht halachischen Verfehlung nicht erforderlich gewesenzu sein. Bei einer Frau lag der Charakter dieser Sünde tief in den Ur-sprüngen des jüdischen Rechts, also der Tora, verankert und hatte einenstarken Aspekt von kultischer Unreinheit. Ihre Mechila benötigte daher

30 Sefer Chassidim, MS Parma§ 38, zitiert in ebd., S. 166–168. Zum Frauenbild derChasside Aschkenas siehe auch Judith Baskin: From Separation to Displacement:The Problem of Women in Sefer Hasidim. In: The Journal of the Association forJewish Studies Review XIX/ 1, 1994, S. 1-18 und dies.: Images of Women in SeferHasidim. In: Karl Grözinger, Josef Dan( Hg.): Mysticism, Magic and Kabbalah inAshkenahic Judaism. Berlin, New York 1995, S. 93–105.

31 Martha Keil: Die mittelalterliche Synagoge als Konstruktionsraum von Öffentlich-keit. In: Petra Ernst, Gerald Lamprecht( Hg.): Jewish Spaces. Die Kategorie Raumim Kontext kultureller Identitäten. Innsbruck, Wien, Bozen 2010, S. 33-50.

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