Gott, Gemeinde, MitmenschVersöhnungsrituale
im jüdischen Spätmittelalter
Martha Keil
Rituale existieren, seit Menschen versuchen, ihre individuellen und kol-lektiven Bedürfnisse in Einklang mit ihrem sozialen und natürlichenUmfeld zu bringen und die Herausforderungen des Lebens durch Trans-zendenz zu erklären und zu überhöhen. So gut wie alle Gesellschaftenbenützen in den lebenszyklischen Krisen Symbole und Rituale,» die alsübergeordnete Instanzen das Verhalten in der Wirklichkeit regulieren.<< 1In den letzten zwanzig Jahren entstanden je nach Fachbereich und Blick-winkel unterschiedliche Theorien und Methoden zur Ritualforschung,die im Großen und Ganzen von folgender Definition ausgehen: Ritu-al ist ein» regelgerechtes, symbolisch gestaltetes Handlungsgefüge, dasder Einverleibung( Internalisierung) jener normativen Kontexte dient,die das Handeln in der sozialen Welt einer Gemeinschaft oder Gruppemotivieren.<< ² Im Unterschied zu Zeremonien, die zwar ebenfalls aus re-gelgerechten und symbolbehafteten Handlungen bestehen, aber nur einestabilisierende Wirkung in der Gesellschaft beabsichtigen, haben Ritualedas>> Potential zur Umwandlung und Veränderung.<< ³
Die dazu entwickelten soziologischen Theorien»[...] konzentrierensich auf die Aspekte der Konfliktvermeidung, der Schaffung von Soli-
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Zu den grundlegenden Begriffen siehe Thomas Luckmann: PhänomenologischeÜberlegungen zu Ritual und Symbol. In: Florian Uhl, Artur R. Boelderl( Hg.): Ri-tuale. Zugänge zu einem Phänomen(= Schriften der Österreichischen Gesellschaftfür Religionsphilosophie, 1). Düsseldorf, Bonn 1999, S. 11-28, hier S. 27 und zuBegriffen und Theorien allgemein Andréa Belliger( Hg.): Ritualtheorien. Ein ein-führendes Handbuch. Wiesbaden 2006.
Dietrich Harth, Axel Michaels: Ritualdynamik
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Soziokulturelle Prozesse in his-
torischer und kulturvergleichender Perspektive. Heidelberg 2003, http: // www.ub.uni-heidelberg.de/archiv/4581, S. 15 f( Zugriff: 6.9.2010).
Tobias Benzing: Ritual und Sakrament. Liminalität bei Victor Turner. Frankfurt a.M., Berlin, Bern u.a. 2007, S. 36.