Bibliothek / EigenverlageÖsterreichische Zeitschrift für Volkskunde113 (2010) / N.S. 64Veselská, Magda: Jüdische Volkskunde in der Tschechoslowakei vor 1939?

  
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Jüdische Volkskunde in der Tschechoslowakei vor 1939? : eine Bestandsaufnahme
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Österreichische Zeitschrift für Volkskunde

LXIV/ 113, 2010, Heft 3+ 4

ist jedoch die Sicht des Verfassers auf diese liturgischen Gegenständewichtiger, denn sie spiegelt den persönlichen Zugang wider: Für denwichtigsten Gegenstand der Synagoge und der Liturgie hält er näm-lich wahrscheinlich parallel zur römisch- katholischen Liturgie- denKelch.28 Da er sich jedoch nur auf die Beschreibung der Gegenständebeschränkt, ist der Wert seiner Informationen begrenzt. Auf der anderenSeite beweist die Tatsache, dass er diese Informationen in den Band auf-nahm, seine Wahrnehmung der jüdischen Denkmäler und somit derjüdischen Minderheit- als untrennbaren Bestandteil der tschechischenGesellschaft und ihrer Kultur. Auch in einem ähnlichen, jedoch nichtidentischen Projekt für das Land Mähren wurde die Anwesenheit derJuden reflektiert: viele Bände der Vlastivěda Moravská[ HeimatkundeMährens] enthalten zahlreiche Informationen über das Leben der Judenin der konkreten Stadt oder Region( historische Rahmenbedingungen,Institutionen, Berufe, etc.). 29

Einzigartig ist der Text von Břetislav Rérych( 1872-1936), u. a. Di-rektor der Schule und des Stadtmuseums in Polná. Sein intensives Inte-resse für die jüdische Gemeinde in der kleinen Stadt Polná, die vor allemdurch die antisemitische Hilsner- Affäre( 1899) bekannt wurde, spiegeltsich sowohl in der so genannten jüdischen Ecke in seinem Museum, alsauch in seinem komplexen Text über die Juden in Polná wider. Die-ses Werk stützt sich zum Teil auf seine und František Půžas Archivfor-schung( Geschichte der jüdischen Besiedlung, der einzelnen Häuser imGhetto und ihrer Besitzer usw.), zum Teil auf Informationen, die er u. a.in Gesprächen mit Zeitzeugen gewann, und wahrscheinlich auch auf sei-ne persönlichen Erfahrungen und Erlebnisse. In dem Manuskript findetman die Beschreibung des Inneren und Äußeren der Synagoge in Polná,in die Beschreibungen von einigen Bräuchen eingewoben sind( wobeibei einigen falsch transkribierten hebräischen Worten nicht zu bestim-men ist, ob es sich dabei um ein Missverständnis oder eine verzerrte

28 František Bareš: Soupis památek historických a uměleckých v Království českém odpravěku do počátku XIX. století. XXI. Politický okres mladoboleslavský[ Verzeich-nis der historischen und künstlerischen Denkmäler im Königreich Böhmen von derUrzeit bis Anfang des 19. Jahrhunderts. Nr. 21- Politischer Bezirk Jungbunzlau].Praha 1905, S. 284–289.

29 Beispielsweise Jan Knies, Vlastivěda Moravská II.[ Heimatkunde Mährens II.],Brněnský kraj[ Kreis Brünn], čísl.[ Nr.] 5, Boskovský okres[ Bezirk Boskowitz].Brno 1904.