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Österreichische Zeitschrift für Volkskunde
LXIV/ 113, 2010, Heft 3+ 4
könnten. Und Beranek führt an, dass man sich für eine Untersuchungder Bräuche nur an die ältesten Mitglieder der einzelnen jüdischen Ge-meinden wenden könne, wobei er auch betont, dass so ein Studium ei-gentlich nur vor dem Hintergrund der Majoritätsgesellschaft erfolgenkönnte. 19 Die Assimilation der tschechischen jüdischen Bevölkerungwar kontinuierlich und ziemlich ungestört, in dieser Hinsicht war diejüdische Gemeinschaft relativ homogen. Im Unterschied zu den Nach-barländern, die Flüchtlinge aus dem Osten( die so genannten Ostjuden)aufnahmen, welche, einmal niedergelassen, neue Impulse, u. a. durchdie Gründung von Synagogen und Gemeinden, für das religiöse Lebenlieferten, waren die böhmischen Länder für die Ostjuden aus mehrerenGründen nicht attraktiv. Die meisten Bewohner dieser Gebiete erinner-ten sich deswegen nur kaum an die Ostjuden und an ihren kurzen Auf-enthalt in Böhmen und Mähren und wenn doch, wurden sie vielfach als
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Die Situation ist etwas besser im Bereich der Folkloristik, die sich auf die geistigenÄußerungen eines Volkes konzentrierte, die in Geschichten, Legenden und Sagenerhalten blieben. In der jüdischen Umgebung findet man sie z. B. bei Wolf Pasche-les( Hg.): Sippurim: eine Sammlung jüdischer Volkssagen, Erzählungen, Mythen,Chroniken, Denkwürdigkeiten und Biographien berühmter Juden aller Jahrhunder-te. Prag[ 1846] oder bei Siegfried Kapper: Prager Ghettosagen. Prag[ 1876].- In denMitteilungen der Gesellschaft für jüdische Volkskunde( fortan MGJV) erschienennur wenige Beiträge, die entweder Böhmen oder Mähren betreffen. Unter ihnenüberwogen historische Artikel, zu den wenigen Ausnahmen zählen die Beiträge voneiner gewissen Frau Lissau aus Wien. Siehe E. Lissau: Das Lied von der Erschaf-fung der Welt( gedichtet? und) vorgetragen von dem Marschalik Gabriel Nachod inPrag( ca. 1780-1850). In: MGJV 1905, S. 104-106, und dies.: Prager Redensartenund geflügelte Worte. In: MGJV 1905, S. 107. Unter den aufgezählten Redewen-dungen dominieren die deutschen, bzw. judendeutschen, nur eine einzige Ausnahmekombiniert das Judendeutsche mit dem( übrigens falsch transkribierten) Tschechi-schen:>> Penize ne mam ale chuzpe mam[ Geld habe ich keines, aber Chuzpe habeich schon]. Die Geschichten und in einem gewissen Maße auch die Lebensweiseder Juden auf dem böhmischen Lande verarbeitete z. B. der jüdische SchriftstellerVojtěch Rakous( Adalbert Österreicher), der auf Tschechisch schrieb. Seine Werkewurden ins Deutsche übersetzt, z. B. ders.: Die Geschichten von Modche und Resiund anderen lieben Leuten. Aus dem Tschechischen von Emil Saudek. Prag 1922.- Das von der Majorität gelieferte Bild des Lebens der Juden auf dem böhmischenund mährischen Lande und ihrer Interaktion mit der Majorität, die uns einige tsche-chische Ruralisten zeigen, ist jedoch unterschiedlich; tendenziös und vorwiegendnegativ, dazu vgl. z. B. die Bücher von Jindřich Šimon Baar, vor allem aber FrantišekSokol Tůma.