Magda Veselská, Jüdische Volkskunde in der Tschechoslowakei vor 1939?
Pracht zu erleben, müssen wir schon weit nach dem Osten gehen, wo dieJuden noch, gegen die Umwelt strenger abgeschlossen, seit Jahrhunder-ten ihr gleiches, fast unveränderliches Leben führen. In unseren westli-chen Ländern, wo die Juden schon seit langem im Bannkreise mitteleu-ropäischer Zivilisation leben, sieht es damit ungleich trauriger aus. Vie-les ist bereits in Verlust geraten, dem nichtjüdischen Leben angeglichenworden. Kaum wissen wir heute in Einzelheiten, wie die Juden etwaBöhmens und Mährens vor hundert, zweihundert Jahren gelebt haben.«Beranek stellte weiter fest, dass sich mit der Jüdischen Volkskunde inder Tschechoslowakei bis dahin niemand systematisch beschäftigt hatteund wollte daher die» Zeitschrift für die Geschichte der Juden in derTschechoslowakei« für diese Erkenntnisdisziplin öffnen. Um Richtlini-en herausarbeiten zu können, was» gesammelt und aufgezeichnet<< wer-den sollte, schlug er vor, diesbezüglich eine Umfrage in der Zeitschriftzu veröffentlichen. 17
Und hier kommen wir zum Kern der Sache: neben dem ziemlichstrikt historisch oder kulturhistorisch abgegrenzten Interesse der tsche-chischen jüdischen Forscher für ihre eigene Geschichte, dem Mangel anFachleuten sowie Institutionen, die sich mit der Jüdischen Volkskundeim engeren Sinne beschäftigt hätten, 18 stellte das Grundproblem für eineErforschung der Bräuche oder der Sprachspezifika(» Judendeutsch<<) dieTatsache dar, dass die tschechische jüdische Gemeinschaft in so einemMaße assimiliert schien, dass hier sogar nach der Ansicht der Judenselbst, obwohl überspitzt formuliert – für die potentiellen Forscher kein>> authentisches Material«< mehr zu finden und zu untersuchen war. Des-wegen machte Hugo Gold auch in seinem Geleitwort darauf aufmerk-sam, dass nur die Regionen der( Ost) Slowakei und KarpatorusslandsQuellen für die Jüdische Volkskunde in der Tschechoslowakei liefern
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17 Franz J. Beranek: Jüdische Volkskunde. In: Zeitschrift für die Geschichte der Judenin der Tschechoslowakei 3( 1932-1933), Heft 2( Februar 1933), S. 133–136, Zitat S.136.
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Die einzige bis jetzt bekannte Ausnahme stellt die Mitarbeit Friedrich Thiebergers( 1888-1958) an dem Sammelband Jüdisches Fest. Jüdischer Brauch. Ein Sammel-werk. Unter Mitwirkung von Else Rabin, herausgegeben von Friedrich Thieberger,Berlin 1936, dar. Zu diesem Sammelband trugen viele Autoren, u. a. Max Grunwald,bei. Thieberger stammte aus Golčův Jeníkov( Goltsch Jenikau), sein Vater war dortRabbiner. Thieberger lebte vor dem Krieg in Prag und ist vor allem bekannt als He-bräischlehrer von Franz Kafka.
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