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Österreichische Zeitschrift für Volkskunde
LXIV/ 113, 2010, Heft 3+ 4
Dabei handelte es sich allerdings nicht um eine einheitliche jüdischeGemeinschaft: das Leben der Juden in Böhmen unterschied sich aus ver-schiedenen Gründen wesentlich vom Leben der Juden in Mähren. Dieallgemein religiöseren Juden in der Slowakei und Karpathorussland wa-ren überwiegend osteuropäische Juden und wurden von den Kontaktenmit dem unmittelbar angrenzenden Galizien beeinflusst, aus dem zwardie Juden in einige Regionen in Mähren und Schlesien( z. B. in die in-dustrielle Ostrava- Region im Norden), nicht aber nach Böhmen( mit derAusnahme von Prag) wanderten. Die Unterschiede unter den jüdischenGemeinden in den böhmischen Ländern betrafen verschiedenste Aspek-te: Zu ihnen zählten z. B. demographische Merkmale, die mit der his-torischen Entwicklung der jüdischen Besiedlung von Mähren( kleinereStädte) und von Böhmen( zersplitterte Besiedlung des Landes und einedominante jüdische Gemeinde in Prag) zusammenhingen. Auch das Le-ben innerhalb der Gemeinden war unterschiedlich in Böhmen gab esvor allem die mit dem Gesetz von 1890 definierten jüdischen Kultusge-meinden, in Mähren( mit Hinsicht auf die eindeutigere Ausschließungder Juden in einem abgegrenzten Bereich einer kleineren Stadt) gab essowohl jüdische Kultusgemeinden als auch( seit 1852) jüdische politischeGemeinden als selbstständige Verwaltungseinheiten. Jüdische Gemein-den in Böhmen pflegten engere Kontakte mit Deutschland. Jüdische Ge-meinden in Mittel- und Südmähren standen in regem Kontakt zu Wienund Ungarn, in der Vergangenheit erlebten sie dank den Emigrantenmehrmals auch einen intensiven Austausch mit Polen und Galizien. DieZahl der tschechisch sprechenden Juden war in Böhmen höher. In Mäh-ren war die Reaktion auf den Zionismus stärker. Diese Beispiele zeigen,dass die jüdische Identität in den böhmischen Ländern von verschiedens-ten Faktoren von außen sowie von innen geformt wurde, welche aucheine unterschiedliche Wahrnehmung seitens der Juden selbst zur Folgehatten.
Da das Leben der jüdischen Minderheit, ihre Wechselwirkung mitder Majorität und ihre Reflexion gerade seitens der Majorität in Böhmenund Mähren bis jetzt nicht detaillierter untersucht wurden, konzentriereich mich in meinem Beitrag vor allem auf diese Gebiete.
Neben den äußeren Faktoren sind an der Wende vom 19. zum 20.Jahrhundert zwei Grundtendenzen innerhalb der jüdischen Gemein-schaft zu verfolgen: zum einen die Identifikation der Juden mit der of-fiziellen, das heißt deutschen, Sprache und Kultur, die ihnen eine leich-tere Etablierung in der Gesellschaft ermöglichte, und zum anderen ihre