Bibliothek / EigenverlageÖsterreichische Zeitschrift für Volkskunde113 (2010) / N.S. 64Schlör, Joachim: Jewish Cultural Studies – eine neue Heimat für die jüdische Volkskunde?

  
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Jewish Cultural Studies – eine neue Heimat für die jüdische Volkskunde?
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Österreichische Zeitschrift für Volkskunde

LXIV/ 113, 2010, Heft 3+ 4

Auch wenn ich mit diesem neuen Projekt im angelsächsischen For-schungsraum»> angekommen« bin, orientiere ich mich doch nach wie voran den von Bausinger, Jeggle, Korff und Scharfe entwickelten Grundbe-griffen der Empirischen Kulturwissenschaft: Kultur Identität All-tag Geschichtlichkeit. In Bezug auf die bisherige Arbeit, aber auch imHinblick auf künftige Projekte, kann ich sie so weiter entwickeln:

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Kultur: Da ich lange Zeit an einem Historischen Institut gearbeitethabe, hat dabei die Aufmerksamkeit für den prozessualen Charakter vonKultur Vorrang vor der Analyse statischer und kurzlebiger Phänomene.Im Zentrum meiner Arbeit kann der einzelne Mensch ebenso stehen wieeine dann begrifflich näher zu fassende- soziale Gruppe. Damit ge-raten durchaus im engeren Sinne kulturelle Kreationen in das Blickfeld,Literatur, Malerei, zur Zeit bei mir vor allem die Musik( in Form vonAuswandererliedern, aber auch im Werk des vergessenen Poeten RobertGilbert³), ebenso Formen der Gesellung( in der Psychologie die Suchenach Nähe zu anderen Personen, in meiner Forschung wichtig etwa fürdie Bildung von» landsmanshaftn«, Gruppen von Immigranten aus dengleichen Herkunftsorten) und Geselligkeit bis hin zur Nationenbildung( etwa im Zionismus), Formen der Tradierung und Überlieferung, derErinnerung, der Einrichtung( von Individuen und Gruppen) im Raum.

Identität: Ich sehe hier zunächst einmal die Selbstverpflichtung desForschers, sich zu seinem Gegenstand, zu den Themen seiner Annähe-rung in verantwortungsvoller Weise zu verhalten und auch zu äußern.Das Innehalten, von Helge Gerndt formuliert>> Es gehört zur unab-dingbaren Aufgabe jedes Forschers, in seiner konkreten, sachbezogenenArbeit immer wieder innezuhalten, eine Pause der Selbstvergewisserungeinzulegen und zu fragen: Was tue ich gerade? Warum tue ich das? Und

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Robert Gilbert wurde 1899 in Berlin als Robert David Winterfeld geboren. Er wur-de als»>< der gespaltene Dichter<< bezeichnet, weil er einerseits Kampflieder für die Ar-beiterbewegung schrieb, darunter das von Hans Eisler vertonte» Stempellied<<, undandererseits auch der Autor populärer Schlager für Filme und Operetten war(»> EinFreund, ein guter Freund«<» Das gibt's nur einmal, das kommt nicht wieder«<»> Ir-gendwo auf der Welt«<). Gilbert emigrierte 1933 nach Wien( wo er ebenfalls bekannteLieder hinterließ, etwa das von Paul Hörbiger gesungene» Das muss ein Stück vomHimmel sein<<), 1938 nach Paris und 1939 nach New York. 1949 kehrte er nach Euro-pa zurück und begann eine zweite Karriere als Übersetzer amerikanischer Musicals,von>> My Fair Lady«< bis» Cabaret«<. Seine Freundin Hannah Arendt bezeichnete ihnals>> den Nachfolger, den Heine nie hatte«<; Hannah Arendt: Menschen in finsterenZeiten. Hg. von Ursula Ludz. Piper, München 1989, S. 290–297, hier S. 294.