Joachim Schlör, Jewish Cultural Studies- eine neue Heimat für die jüdische Volkskunde?
Traditionell gilt die Volkskunde als nationalromantische, sozialkon-servative Disziplin mit präfaschistischen Tendenzen; das ist auch nichtganz falsch und wurde» mit guten Gründen«< kritisch untersucht; dabeigeriet aber die in der Gründungsphase» einflußreiche nicht- völkische,nicht- nationale Fachprogrammatik«<, gerieten auch einige ihrer wichtigenVertreter in Vergessenheit. Bernd Jürgen Warneken hat die Geschichtedieser» völkisch nicht beschränkten Volkskunde« zu schreiben begon-nen.26 Er konstatiert eine» Gemengelage«, in der» liberale, humanistischeund internationalistische Positionen einen wesentlichen Stellenwert<< be-saßen-– von der Gründung des Fachs im Kontext internationaler Bemü-hungen um die Erforschung der gefährdeten traditionellen Volkskulturenüber die anfänglich bearbeiteten Themen, die immer wieder komparatis-tisch orientiert waren, bis vor allem zur Präsenz wichtiger jüdischer Per-sönlichkeiten im Zentrum des Fachs: Besonders ist die Tatsache zu nen-nen, dass die»> Zeitschrift des Vereins für Volkskunde« ihren ersten Jahr-gang 1891 als neue Folge der von 1860 bis 1890 von Heymann Steinthalund Moritz Lazarus edierten» Zeitschrift für Völkerpsychologie undSprachwissenschaft«< verstand. Aber auch die große Präsenz von FriedrichSalomon Krauss, Feldforscher im Bereich südslawischer Folklore undVolkserzählungen, Herausgeber der» Anthropophyteia«( Jahrbücher fürfolkloristische Erhebungen und Forschungen zur Entwicklungsgeschich-te der geschlechtlichen Moral) sowie von 1891 bis 1901 Sekretär der Is-raelitischen Allianz in Wien, ist unübersehbar integraler Bestandteil desFachs in seinen frühen Jahren, ja, Warneken bezeichnet ihn als einen der>> Mitbegründer und Konzeptoren der wissenschaftlichen Volkskunde<<.Die Position, die» Unbefangenheit in nationalen Fragen«< ebenso enthieltwie ein Zurückweisen des Rassismus innerhalb der Forschung, wurdenicht nur, nicht einmal in erster Linie, von den» Berlinern« im Fach ver-treten; immerhin kann Warneken den Titel seines Aufsatzes aber einerRede des Vorsitzenden des Berliner Volkskundevereins, Max Roediger,entnehmen:» Berlin hat einen alles Herkömmliche zerstörenden Einfluss[...]. Es bietet dem volkskundlichen Forscher[...] ein schillerndes, bro-delndes Gemisch dar, dessen Bestandteile sich fortlaufend ändern unddas kein sicheres Fußen ermöglicht.[...] So können sich in unserm Ver-
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Bernd Jürgen Warneken: Völkisch nicht beschränkte Volkskunde. Eine Erinnerungan die Gründungsphase des Fachs vor 150 Jahren. In: Zeitschrift für Volkskunde 95,1999, II. Halbjahresband, S. 169-196.
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