Bibliothek / EigenverlageÖsterreichische Zeitschrift für Volkskunde113 (2010) / N.S. 64Hödl, Klaus: Die jüdische Volkskunde im Kontext ihrer Zeit

  
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Die jüdische Volkskunde im Kontext ihrer Zeit
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406 Österreichische Zeitschrift für Volkskunde

LXIV/ 113, 2010, Heft 3+ 4

auch bestrebt, die ost- westjüdische Dichotomie zugunsten einer einheit-lichen jüdischen Ethnie zu neutralisieren. Sie verfolgte das Ziel, indemsie ostjüdisches Judentum in besonders positiver Weise skizzierte.30

Die bisher betonten Komponenten der Volkskunde stellten demnachkeine Spezifika von ihr dar, sondern waren einem konkreten historischenKontext geschuldet, aus dem auch die erwähnte jüdische Sozialwissen-schaft oder das Publikationsprojekt von» Ost und West<< erwuchsen.Deswegen verwundert es nicht, dass sich zwischen ihnen Ähnlichkeitenund Parallelen finden lassen. Das heißt aber nicht, dass dies die einzigenEntwicklungen um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert waren. Zurgleichen Zeit erfuhren nämlich die Vereine zur jüdischen Geschichte undKultur, also Gruppen, die sich intensiv mit der Geschichte auseinandersetzten, einen Aufschwung. Auch die Gründung des Ordens B'nai B'rithist in diesem Zusammenhang zu nennen.³1 Jüdische Vergangenheit wardemnach von unterschiedlichen, bisweilen gegensätzlichen Entwick-lungen geprägt. Es gibt also nicht nur eine einzige jüdische Geschichte,sondern verschiedene jüdische Geschichten. Und die Herausbildung derjüdischen Volkskunde bildet einen Aspekt davon.

Die jüdische Volkskunde unterschied sich aber auch in ihrem Zugangzum Verhältnis von Juden und Nichtjuden von anderen zeitgenössischenUnternehmungen, wie beispielsweise der jüdischen Sozialwissenschaft.Das zeigt sich beispielhaft an den Bemühungen der jüdischen Volks-kunde, nicht allein auf Juden als Rezipienten ihrer Arbeiten abzuzielen,sondern auch Nichtjuden einzubeziehen. Einerseits gab es das Ziel, jü-disches kulturelles Erbe zu bewahren und für die Zukunft zu sichern.Gleichzeitig war die jüdische Volkskunde bestrebt, Nichtjuden mit jüdi-scher Alltagskultur bekannt und dabei Gemeinsamkeiten zwischen denjeweiligen Traditionen erkennbar zu machen. Das war das explizite An-liegen sowohl von Max Grunwald als auch von Moritz Güdemann. 32 Siefassten ostjüdisches Leben nicht als exklusiv jüdisch auf, sondern als imVerband mit Nichtjuden konstituiert. Mit dieser Orientierung befand

30 David A. Brenner: German- Jewish Popular Culture Before the Holocaust. Kafka'skitsch. London 2008, S. 15.

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Andreas Reinke:» Eine Sammlung des jüdischen Bürgertums«<: Der UnabhängigeOrden B'nai B'rith in Deutschland. In: Andreas Gotzmann, Rainer Liedtke, Till vanRahden( Hg.): Juden, Bürger, Deutsche. Zur Geschichte von Vielfalt und Differenz1800-1933. Tübingen 2001, S. 315-340.

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Roemer( wie Anm. 1), S. 117.