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Österreichische Zeitschrift für Volkskunde
LXIV/ 113, 2010, Heft 3+ 4
Während das Judentum im Laufe des 19. Jahrhunderts von der Wis-senschaft des Judentums vor allem historisch untersucht worden war, setz-te sich die neue( Sozial-) Wissenschaft mit demographischen Prozessen,Krankheitsstatistiken, Wanderbewegungen, interkonfessionellen Ehe-schließungen und ähnlichen Entwicklungen der Gegenwart auseinander.Der Schwerpunkt der wissenschaftlichen Arbeit verlagerte sich von derVergangenheit auf zeitgenössische Verhältnisse und die Zukunft. Einerder Begründer der jüdischen Sozialwissenschaft, Osias Thon, äußertesich über den Unterschied zwischen seiner Wissenschaft und der Histo-riographie wie folgt:» Da versteht es sich von selbst, dass eine Wissen-schaft nur zum geringeren Teil Vergangenheitswissenschaft ist. Denweitaus grössten Umfang nehmen immer Fragen der Gegenwart undZukunft ein: Statistik... Es muss erst die Ueberzeugung durchdringen,dass das Problem einer jüdischen Wissenschaft das ganze Judenvolk alslebendiger Organismus ist. Ein lebendiger Organismus hat seine imma-nenten Lebens- und Entwicklungsgesetze.<< 24
In engem Zusammenhang damit trieb die jüdische Sozialwissenschaftauch eine Neukonzeption des Jüdischen voran. Die religiöse Dimensionvon Judentum wurde zugunsten seines ethnischen Verständnisses hint-angestellt. In den Fokus der Untersuchung rückten Juden als Menschen,an denen Entwicklungen festgemacht werden konnten. 25 Die Religionselbst war in diesem Zusammenhang von keiner primären Bedeutungmehr. Und mit ihr verloren auch wesentliche Differenzierungsmerkma-le zwischen Ost- und Westjuden an Relevanz. Juden wurden als ein Volkbetrachtet, oder, wie Thon es in seinem obigen Zitat ausgedrückt hat,als ein»> lebender Organismus«. Es gab zwar eine Vielzahl medizinischerUntersuchungen, die auf Unterschiede zwischen Ost- und Westjudenin Bezug auf Erkrankungsmuster und anthropologische Merkmale hin-wiesen, womit kulturelle Differenzen» biologisiert«< wurden und einenunveränderbaren Charakter erhielten.26 Die jüdische Sozialwissenschaft,die ebenfalls mit Krankheitsstatistiken arbeitete, sah aber nicht zuletztaufgrund ihrer zionistischen Ausrichtung von dieser Unterscheidung ab.Dem vormals abschätzig beurteilten Ostjudentum wurde von den jüdi-
24 Osias Thon: Das Problem der jüdischen Wissenschaft. In: Jüdischer Almanach1902/03, S. 183-189, hier S. 188.
25
Hart( wie Anm. 4), S. 16.
26 John M. Efron: Defenders of the Race. Jewish Doctors and Race Science in Fin- De-Siècle Europe. New Haven 1994, S. 24.