Bibliothek / EigenverlageÖsterreichische Zeitschrift für Volkskunde113 (2010) / N.S. 64Hödl, Klaus: Die jüdische Volkskunde im Kontext ihrer Zeit

  
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Die jüdische Volkskunde im Kontext ihrer Zeit
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Österreichische Zeitschrift für Volkskunde

LXIV/ 113, 2010, Heft 3+ 4

Bis auf wenige Ausnahmen interessierten sich die Repräsentantender Wissenschaft allerdings nur für ausgesuchte Aspekte der Geschichte.Ihre Aufmerksamkeit war zuvorderst auf eine weit zurückliegende Zeit,die Antike, gerichtet, oder auf sefardisches Judentum der IberischenHalbinsel vor dem Abschluss der Reconquista. 13 Sie mieden die jüngereVergangenheit des aschkenasischen Judentums, das sie mit Statik, geisti-ger Verknöcherung und Irrationalismus gleichsetzten.

Trotzdem war im 19. Jahrhundert eine Auseinandersetzung mit demvoremanzipatorischen, d.h. traditionellen aschkenasischen Judentumnicht unbekannt. Selbst einige Repräsentanten der Wissenschaft des Ju-dentums beschäftigten sich mit ihr, auch wenn sie unter ihren KollegenAusnahmen bildeten. Zu ihnen zählten vornehmlich Leopold Zunz wieauch in späteren Jahren der Wiener Rabbiner Moritz Güdemann.14 Bei-de ließen ihr Forschungsfeld in positivem Licht erstrahlen. Eine Beschäf-tigung mit der vormodernen aschkenasischen Vergangenheit ist aber vorallem außerhalb des Wissenschaftszirkels, vornehmlich in der jüdischenGenremalerei bei Moritz Daniel Oppenheim 15 und der Ghettoliteratur 16nachweisbar. Auch in diesem Fall erhielt sie eine ausgesprochene Wert-schätzung.

Mit der Darstellung der jüngeren Vergangenheit wurde nicht nureine zur Vergangenheitsschau der Wissenschaft des Judentums alternativehistorische Betrachtungsweise vorgetragen, sondern auch ein neuer his-torischer Akteur eingeführt. Während bei Letzterer eine Betonung jü-dischen intellektuellen Schaffens vorgenommen wurde, die in HeinrichGraetz' elfbändiger» Geschichte der Juden«< beispielhaften Ausdruck fin-

13 Ismar Schorsch: From Text to Context. The Turn to History in Modern Judaism.Hanover 1994, S. 71-92.

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Zu Güdemann siehe Monika Richarz( Hg.): Bürger auf Widerruf. Lebenszeugnissedeutscher Juden 1780-1945. München 1989, S. 175 f. Ismar Schorsch: Moritz Gü-demann Rabbi, Historian and Apologist. In: Leo Baeck Institute Year Book XI( 1966), S. 42-66, hier S. 54.

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Siehe vor allem Norman Kleeblatt: Abschied und Heimkehr. Quellen und Kontextzu Moritz Oppenheims Meisterwerk» Die Heimkehr des Freiwilligen<<. In: GeorgHeuberger, Anton Merk( Hg.): Moritz Daniel Oppenheim. Die Entdeckung desmodernen jüdischen Selbstbewußtseins in der Kunst. Jewish Identity in 19th Centu-ry Art. Frankfurt/ M. 1999, S. 113-130.

Siehe Gabriele von Glasenapp: Aus der Judengasse. Zur Entstehung und Ausprä-gung deutschsprachiger Ghettoliteratur im 19. Jahrhundert(= Conditio Judaica, 11).Tübingen 1996.