Die jüdische Volkskundeim Kontext ihrer Zeit
Klaus Hödl
Die vorliegenden Ausführungen bestehen aus zwei Teilen. Der ersteAbschnitt ist der jüdischen Volkskunde gewidmet. Es werden die Be-dingungen ihrer Entstehung herausgearbeitet und Vergleiche mit ande-ren zeitgenössischen Disziplinen gezogen. Der zweite Teil des Artikelsbeschäftigt sich mit Skizzen des Schtetl- Lebens, die von der jüdischenVolkskunde und der klassischen jiddischen Literatur gezeichnet wurden,wie auch mit Präsentationen, die in der Gegenwart, um die Wende zum21. Jahrhundert, vorgestellt werden. Abschließend werden die verschie-denen Entwürfe ostjüdischen Alltagslebens miteinander verglichen undKontinuitäten bzw. Divergenzen zwischen ihnen hervorgehoben.
Ganz generell lässt sich festhalten, dass die jüdische Volkskundeeine von mehreren Reaktionsformen auf tiefgreifende Krisenerfahrun-gen darstellt, die die Juden Zentraleuropas im späten 19. Jahrhundertmachten. Für die Entstehung der jüdischen Volkskunde ist dabei u.a. dieErschütterung des positivistischen Geschichtsverständnisses relevant,das durch die Auffassung eines linearen Progresses charakterisiert ist.Der Niedergang des Liberalismus und der neue Antisemitismus seit den1880er Jahren führten zu einer Hinterfragung der Vorstellung eines ste-tigen historischen Fortschritts. Die bislang von Juden verfolgten Strate-gien zur Erlangung ihrer vollständigen Akzeptanz durch Nichtjuden undihrer Anerkennung als vollberechtigte Mitglieder der Gesellschaft hattenganz offensichtlich nicht gegriffen. In der Folge kam es zu einer Neuori-entierung der Juden in Bezug auf ihr Verhältnis zu Nichtjuden, wobeidie häufig bemerkbar gewesene Zuversicht auf ein nahe bevorstehendesDiskriminierungsende stark geschwächt wurde und ein bisweilen unge-zwungen scheinendes Miteinander einer skeptischen Distanz wich. Da-mit verbunden war eine merkbare Rückbesinnung auf das» Jüdische<<.
1 Nils Roemer: Jewish Scholarship and Culture in Nineteenth- Century Germany.Between History and Faith. Madison 2005, S. 114.