Aufsatz in einer Zeitschrift 
Hamburg, Wien, Jerusalem : Max Grunwald und die Entwicklung der jüdischen Volkskunde zur Kulturwissenschaft 1898 bis 1938
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Christoph Daxelmüller, Hamburg, Wien, Jerusalem

volkskundlichen Zeitschrift» Reshumot« und bedeutendstem Vertreterder neuhebräischen Literatur seiner Zeit.

Lebenswelten, oder: Volkskundler contra Rabbiner

Grunwald war als erster Vorsitzender der» Gesellschaft für jüdischeVolkskunde<<, als Herausgeber der Zeitschrift und als deren fleißigsterLieferant von Beiträgen die treibende und geistig bestimmende Kraft;mit seinen Publikationen und seinen inhaltlichen Vorstellungen be-stimmte er das Wesen der jüdischen Volkskunde bis in die 1930er Jahre.Im Hauptberuf als Rabbiner aber war er mit Aufgaben betraut, dievermeintlich nichts mit seinen volkskundlichen Forschungen zu schaf-fen hatten. Diese Situation müssen wir uns immer wieder vor Augenhalten.

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Sein Ansatz einer Ethnographie des über die gesamte Welt verstreu-ten Judentums reichte von China bis Odessa, von Indien bis zu den Se-fardim der Iberischen Halbinsel vor 1492, von Nordafrika bis ins Elsass.Er betonte die Varietät der Bräuche( Minhagim) der einzelnen jüdischenGruppen als etwas Selbstverständliches und von der jeweiligen Zeit undKultur Abhängiges. Für ihn ergab sich die Vielfalt von Handlungsweisenund Wertnormen nicht aus der Nähe oder Distanz zu einem abstraktenKernjudentum biblisch- antiken Zuschnitts, sondern als Ergebnis vonsich wandelnden kulturellen Determinanten. Hier sprach er als Kultur-historiker und Kulturwissenschaftler, nicht als der Herr Dr. Rabbiner,da er als solcher anders hätte schreiben und handeln müssen.

Worum geht es? Kamen durch Zuwanderer oder durch äußere Ein-flüsse neue Brauchformen in einer Gemeinde auf, die sich vom Minhagham- makom, dem» ortsüblichen Brauch«<, unterschieden, dann war imMittelalter ein Responsum einer angesehenen Autorität erforderlich.37Die Antwort konnte positiv oder negativ ausfallen. Solche Minhagim-Entscheidungen setzten sich auch in der Frühen Neuzeit fort und be-trafen häufig alltägliche Fragen wie das Tragen bestimmter( modischer)Kleider, das Aufsetzen von Perücken am Schabbat, Grab- und Fried-hofsschmuck oder die Verwendung von Leichenwägen beim Gang zum

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Siehe u.a. Abraham Chill: The Minhagim. The Customs and Ceremonies of Juda-ism, Their Origins and Rationale. New York 1979.

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