Jahrgang 
113 (2010) / N.S. 64
Seite
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Literatur der Volkskunde

Maria Froihofer, Elke Murlasits, Eva Taxacher( Hg.):L[ i] eben und Begehren zwischen Geschlecht und Identität.Wien: Löcker Verlag 2010, 239 Seiten, zahlr. farb. Abb.

>>> L[ i] eben will mehr sein als ein rein wissenschaftliches Projekt. Ebensosoll unser Buch mehr sein als ein allein historisches Nachschlagewerk.<<( S. 11) Die Ziele, an denen dieses aktuell erschienene Werk gemessenwerden sollen, haben die Herausgeberinnen mutig festgelegt. Wohl auchmit dem Wissen, dass es den Wissenschaften bisher nicht gelungen ist,>> Liebe« und» Begehren«< mit den Mitteln von Vernunft und Logik zuerobern. Die Prüderie der Aufklärung ist ja seit Michel Foucaults>> Sexu-alität und Wahrheit«< aufgedeckt. Und die systemtheoretischen Annähe-rungen an eine» Liebe als Passion«( Niklas Luhmann) hat zwar eine ver-meintliche Evolution des Codes von Intimbeziehungen nachgezeichnet,sich dabei aber sehr einseitig auf die simplen, wenn auch nicht einfachen,Mann- Frau- Romanzen bezogen.

Zumindest von dieser Einschränkung grenzt sich» L[ i] eben und Be-gehren zwischen Geschlecht und Identität«< überdeutlich ab. Es geht darinum die Auseinandersetzung mit» les_bi_schwulem Leben und Lieben<<( S. 6) und den damit verbundenen queeren Denkformen. Der Ausgangs-punkt für den Sammelband lag in einem Ausstellungsprojekt, das derLandesrat für Kultur der Steiermärkischen Landesregierung Kurt Fleckeran das Büro der Erinnerungen am Universalmuseum Joanneum im Jahr2007 übertragen hatte. Die anfängliche Euphorie des Gestaltungsteamswich sehr rasch der ernüchternden Erkenntnis, dass das Wissen über diegleichgeschlechtlichen Lebens- und Liebesformen, die>> zum Schutz der> heterosexuellen Orientierung der rechtlich geordneten Gesellschaft«<«< inÖsterreich bis 1971 mit einem gesetzlichen» Totalverbot« belegt waren,nur wenig Ansatzpunkte für ein handfestes Ausstellungskonzept liefer-te. Es musste eine der Ausstellung vorausgehende Forschungsphase ein-geschoben werden, um die Facetten der steirischen Situation begründenzu können. Und daraus entstand der Sammelband.

Am ersten>> größeren Forschungsprojekt in diese Richtung«<( S. 7)arbeiteten Historiker/ innen, Soziologinnen und Soziologen, Juristin-nen, Kriminalpsychologen sowie Politik- und Filmwissenschaftlerinnenzwei Jahre zusammen, um Spuren- und Fakten zum Thema zu finden.Vorweg gesagt, es wurde nicht interdisziplinär gearbeitet, weshalb dieBeiträge sehr unterschiedliche methodische als auch theoretische Zugän-

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