330 Österreichische Zeitschrift für Volkskunde
LXIV/ 113, 2010, Heft 2
[[ i] eben. uferlos und andersrumEin Ausstellungsbericht
Ein großes Lebzeltherz mit grell rosa Randverzierung, pinken Herzchenund weißem Enzian, dazu die berühmten drei Worte. Zwei Hände hal-ten diese Liebesgabe weihevoll vor ein Gesicht, das weder einer Fraunoch einem Mann zuordenbar ist. Die in Ansätzen erkennbaren nacktenSchultern verleihen dem Plakat eine erotische Note. Mit sowohl rusti-kaler als auch androgyner Symbolik wird die seit 16. Februar 2010 imVolkskundemuseum Graz laufende Sonderausstellung» l[ i] eben. uferlosund andersrum<< beworben. Wer mit der vieldeutigen Werbebotschaftund dem verheißungsvollen Titel nichts anzufangen weiß, erfährt imInternet', dass es um» eine Auseinandersetzung mit Liebe, Begehrenund Geschlechterrollen« geht,» die neue Blicke auf die Sammlung desVolkskundemuseums gewährt und les__bi__schwulem Leben und Liebenin der Steiermark auf der Spur ist«. Warum der Aspekt der Spurensuchenach les_bi_schwulem Leben und Lieben in dieser Beschreibung zuletztgenannt wird, bleibt aber ein Rätsel, denn tatsächlich steht die Geschich-te und Entwicklung der Homosexuellen- Bewegungen in der Steiermarkklar im Vordergrund dieser Sonderausstellung.
Etwas verwirrend für den Besucher ist auch der Umstand, dass eszwei räumlich voneinander getrennte, einander kontrastierende Ausstel-lungsbereiche gibt. Der Stöcklsaal des Volkskundemuseums beherbergtdie Auseinandersetzung mit dem Thema Homosexualität. Im Haupt-haus dagegen werden durch sechs Interventionen in der Dauerausstel-lung kulturhistorische Aspekte heterosexueller Liebe angerissen. Umdie bestehenden Zusammenhänge dennoch erkennen zu können, sollteein Besuch im Haupthaus beginnen, wo die Kuratorin dieses volkskund-lichen Teiles Eva Kreissl, bei ihrer Konzeptionsarbeit mit der Tatsachekonfrontiert war, dass die Sachzeugnisse, die von Volkskundlern gesam-melt wurden, ausschließlich die herrschende sexuelle Norm repräsentie-ren. Man habe daher kein einziges Objekt, das auch nur im Geringstenauf Homosexualität verweist, erläutert die Kuratorin, obwohl es gleich-geschlechtliche Liebe immer gegeben hat. Das Geheime, Sittenwidrige
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www.museum-joanneum.at/de/volkskundemuseum/ausstellungen_11/lieben-1
( aufgerufen am 26. 5. 2010).