Jahrgang 
113 (2010) / N.S. 64
Seite
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neuerDings

Für die Mädchen!

Die Puppenküche aus dem Barnabitenkolleg in Wien

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Puppenhäuser sind ergiebige Quellen der Kulturwissenschaft für die Er-forschung des Alltagslebens, von Wohnformen, der Vorratshaltung undNahrungszubereitung, von Geschlechterrollen und Familienstrukturen,von Fragen nach Intimität und Öffentlichkeit. Das Österreichische Mu-seum für Volkskunde konnte im November 2009 eine Puppenküchemit etlichem Zubehör insgesamt 210 Teile in seine Sammlungenaufnehmen, die bereits elf Puppenstuben,-häuser und-küchen verzeich-net. Zwei davon werden in der ständigen Schausammlung des Museumsals Zeugnisse für die vorindustrielle Vorratshaltung und für die Verän-derungen der häuslichen Kultur im Zuge der Industrialisierung gezeigt.Der Neuzugang wurde durch eine Schenkung der Geschwister Rose undDietrich Beranek sowie dessen Gattin Marianne ermöglicht und ist auchdeshalb besonders wertvoll, weil die Entstehungs- und Verwendungsge-schichte des Objekts in der Familie ausgezeichnet dokumentiert ist. DieWände und Möbel der Küche wurden von Josef Maschek, dem Urgroß-vater der Geschwister, für seine beiden Töchter um 1850 angefertigt.1805 in Böhmen geboren, arbeitete er zu dieser Zeit als Tischlermeisterim Barnabitenkollegium der Mariahilfer Kirche in Wien, wo er und sei-ne Familie eine Dienstwohnung bezogen hatten. Seine Gattin Rosaliamusste neben dem großen Handwerkerhaushalt und drei Kindern diezahlreichen Gesellen und Lehrlinge mit Essen versorgen. Eine Familien-legende, die genauso wie die Küche selbst, bis heute tradiert und bei derÜbergabe der Puppenküche ans Museum berichtet wurde, besagt, dassKnödel von Rosalia Maschek aufgrund der großen benötigten Stückzahlim Waschkessel gekocht wurden.

Die Küche ist sorgfältig und aufwändig gefertigt. Es handelt sicheigentlich um ein Küchenhaus, bei dem die Schauseite nicht völlig offen,sondern durch eine Wand abgetrennt ist, in der sich eine zweiflügeligeTür befindet, die zum Spielen geöffnet werden kann. Der Boden, derden Wänden Halt geben sollte, ist leider nicht mehr vorhanden. DieSeitenwände sind mit Haken an der Rückwand befestigt, die dasselbeDekor wie diese aufweisen: rosarote Bemalung mit aufgemaltem rotenZiegelmuster. Auf die Rückwand ist ein Brett zur Aufbewahrung vonSpieltopfdeckeln montiert. Die vier Teile der Vorderwand bestehen ausbraun lackierten Holzrahmen mit diamantförmigen Feldern unten und

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