Thomas Brune, Ding Region Welt
Gaben der Burschen für ihre Liebe auf der Tuchmoar- Alm.
Mit einer kleinen Sammlungsgeschichte aus meinem Haus willich diesen Faden aufnehmen. 1980 übernahm das WürttembergischeLandesmuseum für sein Museum für Volkskultur, heute Museum derAlltagskultur, die komplette Wohnungseinrichtung der Nebenerwerbs-bauernfamilie Gayer aus Siegelsbach, einem kleinen Dorf in der Neckar-region, kurz nachdem die letzte Bewohnerin verstorben war. Das warein recht aufwändiges und ein damals noch ziemlich ungewöhnlichesUnternehmen. Wir stellten diese Wohntotalität aus mit( fast) allen per-sönlichen Überbleibseln von der Wäsche in der Kommode bis zu denErbauungsheftchen auf dem Regal über dem Küchen- Sofa.
Was sehen die Besucher: Allerwelts- Möbel und Wohnzubehör ineinem merkwürdigen Mix von Alt und Neu. Sie sehen, die gehörten an-deren Menschen, die ein verblüffend ähnliches Leben führten wie ihreeigenen Eltern- oder ein sehr anderes. Der Besucher setzt sich in Be-ziehung. Das Verblüffende für mich, der die Übernahme und Hinter-grundrecherche vor mehr als 25 Jahren durchführte und selbst in Banngezogen war von diesem biografisch definierten Dingkosmos: Auch dasPublikum unseres doch klassisch objektereichen und in anderen Abtei-lungen um so viel farbigeren Museums zeigt sich von dieser bühnenhaftvorgeführten Wohnwelt der relativ armen Familie Gayer mit den Ton-Dokumenten aus Interviews der dort groß gewordenen Kinder offenbarbesonders berührt: Diese Ausstellungseinheit gehört zu den> Top Three<in der Beliebtheit der Besucher!
Rosemarie Beier fragt allerdings anlässlich einer von ihr betreuten,ebenfalls komplexen und aufwändigen Übernahme einer Wohnungs-einrichtung gar nicht nebenbei und zurecht:» Warum interessiert michnur die detailgetreue Erfassung eines Zimmers? Warum nicht auch seineLage innerhalb des Hauses? Der Blick aus dem Fenster? Der Nachbarim oberen Stock?«< Rosemarie Beier geht es in ihrem so klugen und an-regenden Vortrag zur Kontextualisierung von Alltag um all die Grenzenund Entscheidungen in unserem Umgang bei Auswahl, Arrangementund Inszenierung von Objekten und Informationen und letztendlichum die Unmöglichkeit, selbst einen derart begrenzten, aber eben doch
6 Rosemarie Beier: Zur Kontextualisierung des Alltags. Ansätze und Erfahrungen imDeutschen Historischen Museum, in: Gottfried Korff, Hans- Ulrich Roller( Hg.):Alltagskultur passé? Positionen und Perspektiven volkskundlicher Museumsarbeit.Tübingen 1993, S. 171-184, hier S. 177.
225