Literatur der Volkskunde
Sabine Kienitz: Beschädigte Helden.
Kriegsinvalidität und Körperbilder 1914-1923
(= Krieg in der Geschichte, Bd. 41). Paderborn: Schöningh 2008, 381 S.
Nach zehn Jahren produktiver Arbeit hat der von der Deutschen For-schungsgemeinschaft finanzierte Tübinger Sonderforschungsbereich 437>> Kriegserfahrungen«< Ende 2008 seinen Abschluss gefunden. In einerinterdisziplinären Kooperation von Geschichtswissenschaften, Empiri-scher Kulturwissenschaft, Kunstgeschichte, Theologie, Psychologie undAmerikanistik erarbeitete man die neuzeitliche Kriegsgeschichte auf derBasis eines Begriffs von Erfahrung als» permanenter Verarbeitungspro-zess[...], in welchem Wahrnehmung, Deutung und Handeln miteinanderkoordiniert werden«<, der aber immer zurückgebunden bleibt an die» ge-sellschaftliche Dimension<< der» soziokulturell objektivierten Rahmen-bedingungen<<( Nikolaus Buschmann/ Horst Carl). Die Arbeit des SFBhat sich in einer Reihe ausgezeichneter Monographien und Sammelbän-de niedergeschlagen; ein nicht unerheblicher Teil dieser Publikationenstammt aus dem Ludwig- Uhland- Institut, wo unter der Leitung vonGottfried Korff und Reinhard Johler eine dezidiert kulturwissenschaftli-che Perspektive auf die Symbol-, Erfahrungs- und Erinnerungsgeschichtedes Ersten Weltkriegs entwickelt wurde. Im Sinne einer>> KriegsVolks-Kunde<< so der Titel eines Sammelbandes. wurden wissenschaftsge-schichtliche Linien ebenso nachgezeichnet wie die Geschichte von religi-ösen Semantiken und geschlechtlichen Codierungen des Krieges.
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In diesem Rahmen ist auch die hier angezeigte Habilitationsschriftvon Sabine Kienitz entstanden. Mit ihrer Studie zu den» beschädigtenHelden<< des Ersten Weltkriegs legt Kienitz einen erhellenden Beitragzur Körper- und Geschlechtergeschichte des Kriegs vor. Den Körperversteht sie dabei als ein» Medium der Sinnstiftung«, in ihn werden un-terschiedliche Deutungen und Bedeutungen des Kriegsgeschehens ein-geschrieben. So wurden die kriegsversehrt heimkehrenden Männer zukulturellen Figuren, in denen sich die ganze Ambivalenz des Krieges undder zeitgenössischen Kriegsdiskurse spiegelte: Schrecken und Gewalt,nationaler Durchhaltegeist und zunehmende Verzweiflung, Helden-und Opferkult, Männlichkeit und deren irreparable Beschädigung. Vordem Hintergrund traditioneller wirkmächtiger Bilder des heldenhaftensoldatischen Mannes erzeugten die massive Präsenz der 2,7 Millionenkörperlich und psychisch Kriegsbeschädigten allein in Deutschland und
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