84 Österreichische Zeitschrift fur Volkskunde
LXIV/ 113, 2010, Heft 1
Einrichtungen wie Jungschar oder Pfadfinder, die für die Kinder selbstwiederum eine bestimme( soziale) Funktion erfüllen.'
Religiöse Erziehung in der Familie bedarf der entsprechenden Ge-sinnung zumindest eines Elternteils. Bei steigenden Kirchenaustrittenhaben evangelikale Freikirchen durchaus Zulauf, Glauben ohne Kircheerfreut sich ebenfalls beträchtlicher Zustimmung. Bis zum selbständigenLeben der Kinder nehmen Eltern jedenfalls maßgeblichen Einfluss aufderen religiöse Ausrichtung.
Die Erziehung zum Gebet wird in vielen autobiographischen Er-zählungen von Personen, die um die letzte Jahrhundertwende geborenwurden, erwähnt. Als faszinierend werden dabei die besondere Sprache( Latein oder Hochdeutsch) und die Unterbrechung des Alltags durch dieGebetszeiten( meist verbunden mit Essenszeiten oder dem Zubettgehen)geschildert. Dabei war das Verhältnis der katholischen Kirche zu Kin-dern durchaus zwiespältig. Das Beisetzen ungetaufter Kinder außerhalbder Friedhofsmauern sei hier nur am Rande erwähnt. Die seit der Antikegeltende Annahme des» unschuldigen Kindes«<< wurde durch die kirch-liche Feststellung der Erbsünde schwer beschädigt. Kindertaufe, Erst-kommunion und die Teilnahme am Gottesdienst bedurften strengsterReglementierung. Lärmende Kinder in Kirchen waren bis in das letzteViertel des 20. Jahrhunderts untragbar. Eigene Kindermessen sollten denErwachsenen daher einen andächtigen Messbesuch ermöglichen.
Sinkende Geburtenzahlen haben den Wert von Kindern gehobenund eine ganze Spielzeugindustrie stürmt mit ihren Produkten die Kin-derzimmer. Elektronischer Unterhaltung und Spielzeugwaffen wollenEltern oft bewusst etwas entgegensetzen, denn die von diesen Dingenausgehende Faszination ist enorm. Eine stichprobenartige Umfrage imSpielwarenhandel hat ergeben, dass Spielzeugaltäre heute nicht mehrangeboten werden. Unter dem Titel» Wie Jesus in die Wal- Mart kam<<berichtet ein Beitrag im deutschen Nachrichtenmagazin Spiegel über
7 Dazu wären auch die Heiligen Drei Könige zu zählen, die früher die gläubigen Chris-ten an bestimmten Tagen( Allerheiligen, Dreikönigstag, u.a.) zur Spende von Speisenfür Arme( Seelenwecken, Krapfen, u.a.) ersuchten, heute jedoch im Auftrag der Ka-tholischen Mission von Haus zu Haus ziehen, um Geld zu sammeln.
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Oliva Wiebel- Fanderl: Religion als Heimat? Zur lebensgeschichtlichen Bedeutungkatholischer Glaubenstraditionen. Wien 1993, S. 55 f.
g Theologische Realenzyklopädie. 1989, Bd. 18, S. 156 ff.