82 Österreichische Zeitschrift fur Volkskunde
LXIV/ 113, 2010, Heft 1
Herr M. studierte später Forstwirtschaft an der Universität für Boden-kultur in Wien und schloss seine Erzählung mit dem Hinweis, dass seineeigenen Kinder kein Interesse an dem Spielzeugaltar hatten und allesamtaus der Kirche ausgetreten sind.
Von einer weit verbreiteten, tiefen Religiosität der Bevölkerung inTirol zur Kinder- und Jugendzeit des Objekteinbringers ausgehend, kannauf eine entsprechende Erziehung des Nachwuchses geschlossen werden.Die Erzählung zeugt von einer gewissen religiösen Prägung, wenn Kin-der in der Lage sind, die Geschehnisse der Hl. Messe zu wiederholen.Die Messbesuche müssen dafür regelmäßig erfolgt sein. Dies erklärtdas tiefer gehende Interesse am Messgeschehen und die Kenntnisse derBuben über selbiges. Nicht zu vergessen ist in diesem Zusammenhang,dass die Messen vor dem Zweiten Vatikanischen Konzil( 1962-1965) inLatein gehalten wurden. Falls die Kinder ihr Spiel tatsächlich in Lateinabsolvierten, war dies eine durchaus anspruchsvolle Freizeitgestaltung.
Spielzeugaltäre dienten zum einen der Einübung von Ministranten-tätigkeiten, hatten aber auch das Ziel, eventuell angehende Priester be-reits im häuslichen Umfeld auf künftige Aufgaben einzustimmen. DieFaszination dieses Spiels ist im theatralischen Ausdruck der Agierendenund im Geheimnis des Wandlungsgeschehens zu sehen. Die Wandlungvon Wein in Blut, von Brot in den Leib Christi ist für Kinder schwierigzu verstehen. Weihrauch, die ehrfürchtige Ruhe in der Kirche und derrituelle Ablauf des Geschehens unter der Führung des Priesters lassen dieAnziehung auf Kinder erahnen.
Eine weitere Verbreitung dieser Art» christlichen Spielzeugs<< kannauf Adels- und Bürgerkreise beschränkt angenommen werden. In Adels-familien war es durchaus üblich, eines der Kinder für die Kirchenlauf-bahn zu bestimmen. In bürgerlichen Kreisen dienten die Spielzeugaltärezunächst einer vertiefenden religiösen Erziehung mit bereits erwähntenÜbungsmöglichkeiten für Ministranten. Eine spätere Entscheidung zumPriesterberuf oder für den Eintritt in ein Kloster wurde in diesen Famili-en wahrscheinlich freudig aufgenommen.
In den nunmehrigen säkularen Zeiten mutet das dezidierte Lenkenkindlicher Neigungen in eine bestimmte religiöse Richtung befremdlichan. Religion hatte bis in die Mitte des vorigen Jahrhunderts einen großenStellenwert mit unmittelbarem Einfluss auf das Leben des Einzelnen.Konfessionelle Schulen nahmen lange Zeit eine unbestrittene Vorrang-stellung im österreichischen Schulwesen ein, gegenwärtig erfreuen siesich wieder steigender Beliebtheit, was sich in wachsenden Schülerzahlen