62 Österreichische Zeitschrift fur Volkskunde
LXIV/ 113, 2010, Heft 1
Formen. Denn der Wandel, dem das jetzige Wallfahrtswesen unterliegt,resultiert ja nicht so sehr aus der schon früh einsetzenden Moderni-sierung der Transportmittel des modernen Pilgers( wobei im Übrigendie Fußwallfahrt auch» in der heutigen Zeit des Zug-, Bus-, Auto- undFlugzeugwallens ihre Faszination nicht verloren«< hat44) oder aus der nun-mehr industriellen Fabrikation diverser Votivgaben, Wallfahrtsandenkenund Devotionalien( deren auch> traditionelle< Vorläufer ebenfalls be-reits serienmäßig produziert worden sind, vom großteils durch malendeHandwerker oder Kirchenmaler hergestellten klassischen Votivbild biszum seriell erzeugten Öldruck mit jeweils lokal einschlägigem Sujet):Was sich vor allem geändert hat, sind die Einstellungen und Intentionen,und wenn das> Wallen< bereits in seiner klassischen Ausprägung meist>> kein Akt rein persönlicher Frömmigkeit, sondern Partizipation an ei-nem Gemeinschaftskult«< 45 gewesen ist, so sind auch heute die Gründe,sich einem solchen» Konkurs der vielen Einzelgänger« 46 anzuschließen,bei aller Variabilität des konkreten Anlasses generell wohl weniger in in-dividueller Glaubenshaltung zu sehen und erlauben oft nur mehr von> religioiden< Motiven zu sprechen. Jedenfalls lassen so manche jener heutewiederbelebten Wallfahrten zumindest ein Ineinander von pastoraltheo-logischen( seitens der Organisatoren) und religiösen( seitens der Teilneh-mer) Intentionen mit weltlich- ökonomischen( und zum Teil auch politi-schen) Interessen vermuten- und damit auch die( allzu-)» menschlicheHandschrift der Religion<< 47.
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So manifestiert sich beispielsweise in der Renaissance der ab1753 fürkurze Zeit erwähnten, nach den josephinischen Maßnahmen in Verges-senheit geratenen und in den späten 70er Jahren des 20. Jahrhunderts
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Scharfe, Religion( wie Anm. 20), S. 149. So folgt etwa die» Neue Via Sacra<<, dieim Jahr 1994 geschätzte 8000 Wallfahrer>> mit mehreren Auswahlmöglichkeiten vonWien- Rodaun über Heiligenkreuz nach Rohr im Gebirge, weiter bis St. Ägyd undschließlich nach Mariazell geleitet«< hat, dem 1980 eröffneten» Weitwanderweg 06«<,vgl. Katharina Schwarz- Herder: Wallfahrt und Tourismus am Beginn des 21. Jahr-hunderts. In: Hermann Dikowitsch u. a.( Red.): Die Via Sacra(= Mitteilungen ausNiederösterreich, 3/00). St. Pölten 2000, S. 24-29, hier S. 24.
45 Wolfgang Brückner: Zur Phänomenologie und Nomenklatur des Wallfahrtswesensund seiner Erforschung. In: Dieter Harmening u. a.( Hg.): Volkskultur und Ge-schichte. Festgabe für Josef Dünninger zum 65. Geburtstag. Berlin 1970, S. 384–423,hier S. 411.
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Ebda.
47 Scharfe( wie Anm. 20), S. 147.