Michi Knecht,»>> Vor Ort im Feld<<?
sen. Edward B. Thompson etwa spricht in diesem Sinne von Alltag als ei-nem gesellschaftlichen Ort der subjektiven Aneignung von Geschichte.42Wolfgang Kaschuba bezeichnet Alltag als» Modus der Aneignung vongesellschaftlichen Erfahrungsräumen und Erfahrungsweisen und derenKoordination in kulturellen Mustern.«< 43 Und Bernd Jürgen Warnekensetzte Ende der 70er Jahre den Begriff der Aneignung ein, um die Rezi-pienten von Literatur nicht als bloß passive Konsumenten, sondern als>> Praxissubjekte<< und aktive Produzenten kenntlich zu machen, die sichim Aneignungsprozess fiktionaler Texte, durch Lektüre, sowohl selbstneu entwerfen als auch Gesellschaft immer wieder neu mit hervorbrin-gen. Das sind hilfreiche Konturierungen des Aneignungskonzeptes,die jedoch weiterentwickelt werden müssten, insbesondere, um zu einerTheorie der Veränderung durch Transfer und Aneignung im Kontextlokal- globaler Konfigurationen zu gelangen.
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Dem prozessualen, transformativen und relationalen Charakter vonAneignungs- als Transferpraktiken versucht die Soziologie der Überset-zung oder» Translation«< gerecht zu werden, wie sie im Rahmen der Ak-teur- Netzwerk- Theorie vor allem von Michel Callon und Bruno Latourentwickelt worden ist.45 Hier werden die Transfer- und Aneignungsbe-griffe in einen Übersetzungsbegriff überführt, der das Aktive und Trans-formative dieses Prozesses betont. Übersetzungsprozesse verändern dieSubstanz und Form von Dingen, Handlungsprogrammen und Hand-lungszielen, in dem sich die heterogenen Partizipanden dieses Prozes-ses» gegenseitig ineinander einschreiben.«< 46 Der britische Sozialwissen-
42 Edward P. Thompson: Volkskunde, Anthropologie und Sozialgeschichte. In: Ders:Plebeische Kultur und moralische Ökonomie. Frankfurt, Berlin, Wien 1980, S. 290-318, hier S. 301.
43 Wolfgang Kaschuba: Mythos oder Eigen- Sinn?» Volkskultur« zwischen Volkskundeund Sozialgeschichte. In: Utz Jeggle, Gottfried Korff, Martin Scharfe, Bernd JürgenWarneken( Hg.): Volkskultur in der Moderne. Probleme und Perspektiven empiri-scher Kulturforschung. Reinbek bei Hamburg 1986, S. 469-507, hier S. 479.
44 Bernd Jürgen Warneken: Literarische Produktion. Grundzüge einer materialisti-schen Theorie der Kunstliteratur. Frankfurt a. M. 1979, S. 51.
45 Vgl. einführend Michel Callon: Einige Elemente einer Soziologie der Übersetzung:Die Domestikation der Kammmuscheln und der Fischer der St. Brieuc- Bucht. In:Bellinger, Krieger( wie Anm. 21), S. 135–174.
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Nina Dengele, Timothy Simms: Bruno Latour(* 1947). Post- Konstruktivismus pur.In: Martin Ludwig Hofmann, Tobias F. Korta u.a.( Hg.): Culture Club. Klassikerder Kulturtheorie. Frankfurt a. M. 2004, S. 259-275, hier S. 267.
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