Aufsatz in einer Zeitschrift 
»Vor Ort im Feld«? : zur Kritik und Reakzentuierung des Lokalen als europäisch-ethnologischer Schlüsselkategorie
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26 Österreichische Zeitschrift fur Volkskunde

LXIV/ 113, 2010, Heft 1

se des Alltags, ein Szenarium zur mikroanalytischen Untersuchung derLebenswelten unterer Schichten, der» Vielen«< und der Multitude. Undsehr viel stärker als das in anderen Kultur- und Sozialwissenschaften derFall ist, waren und sind die Themenfelder, Zugänge und Fragestellun-gen europäisch ethnologischer Institute, ja, oft ihre gesamten Arbeitspro-gramme, durch lokale Konstellationen und die Spezifik ihres jeweiligenOrtes geprägt. Als Disziplin ist die Europäische Ethnologie/ Volkskun-de immer selbst Teil der lokalen Szene. Dem Lokalen haftet aber häu-fig auch der interdisziplinäre Verdacht der Nichtigkeit und des Banalenan. Nicht selten wird mit dem Begriff» Lokalstudie« beispielsweise eineUntersuchungsform assoziiert, die ausschließlich lokal von Bedeutungist und überregional keine Resonanz findet sei es, weil sie lediglichbereits längst etablierte Untersuchungsperspektiven an einem weiterenOrt einmal mehr durchexerziert und darüber hinaus keine Perspektiveneröffnet, sei es, weil ihre Relevanz sich tatsächlich auf die Deskriptionlokaler Besonderheiten begrenzt.4

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mente einer älteren Volkskunde aushebelt und ihren Zuständigkeitsbereich auswei-tet, sondern vor allem auch auf internationale Entwicklungen reagiert. Zum anderenauf eine Europäische Ethnologie, die sich aus den Forschungstraditionen der ameri-kanischen Kulturanthropologie sowie der britischen Sozialanthropologie heraus ge-bildet hat und heute etwa in der Anthropological Society of Europe beheimatet ist.Beide Fachtraditionen weisen neben großflächigen Überschneidungen Unterschiedein der methodischen Feinausrichtung auf, in der Verbindung historischer mit eth-nographischen Forschungen sowie in der Bezugnahme auf distinkte Fachtraditionenund Diskursmilieus, sie vermischen sich aber institutionell und in der Forschungs-praxis immer mehr. Vgl. dazu ausführlicher Michi Knecht: Zwischen Religion, Bio-logie und Politik. Eine kulturanthropologische Analyse der Lebensschutzbewegung.Münster 2006, S. 50-61.

Natürlich gibt es im Fach auch eine stattliche Reihe von Lokalstudien, die inter-disziplinär breit wahrgenommen wurden und längst Klassiker sind, weil sie selbstmodellhaft Forschungsdesigns und Fragestellungen etablierten. Exemplarisch undohne jeden Anspruch auf Vollständigkeit wäre hier beispielsweise zu erinnern an dieZillertalstudie von Utz Jeggle und Gottfried Korff: Zur Entstehung des ZillertalerRegionalcharakters. Ein Beitrag zur Kulturökonomie. In: Zeitschrift für Volkskunde70, 1974, S.39–57; an Edit Féls und Tamás Hofers Untersuchungen zu Átány, u.a.Tamás Hofer: Bäuerliche Denkweise in Wirtschaft und Haushalt. Eine ethnographi-sche Untersuchung über das ungarische Dorf Átány. Göttingen 1972; sowie an GiselaWelz' urbananthropologische Studie zu einem Wohngebiet und dessen Straßenlebenin Bushwick, Brooklyn: Street Life. Alltag in einem New Yorker Slum. Frankfurta.M. 1991.