Jahrgang 
114 (2011) / N.S. 65
Seite
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Literatur der Volkskunde

Michi Knecht, Anna Frederike Heinitz, Scout Burghardt,Sebastian Mohr( Hg.): Samenbanken- Samenspender.Ethnographische und historische Perspektiven auf Männlichkeitenin der Reproduktionsmedizin. Berliner Blätter: Ethnographischeund ethnologische Beiträge. Sonderheft 51/2010, 202 Seiten.

Schätzungen sprechen von über 100.000 mit Spendersamen gezeug-ten Kindern in Deutschland jährlich kommen etwa Tausend dazu.Ein zentrales Register und exakte Daten existieren allerdings nichtund auch in der sozialanthropologischen Forschung blieben Samen-banken und ihre zentralsten Akteure bislang weitgehend unbeachtet.Die vorliegende Publikation gibt erste explorative Einblicke in diesesvernachlässigte Feld und identifiziert darüber hinaus den weiteren For-schungsbedarf.

In den fünfzehn kommerziellen Samenbanken Deutschlands wird

Samen gegen eine Aufwandsentschädigung produziert, angekauft,gewaschen, qualitativ geprüft, in> straws<( Plastikröhrchen) verpackt,tiefgefroren, vermarktet, mit EmpfängerInnen> gematched< und anReproduktionswillige verkauft. Dieser ambivalente Status von Samen-banken zwischen medizinischer Therapie und Wirtschaftsunterneh-men( S. 171) nimmt einen dementsprechenden Reflexionsraum in derPublikation ein. Mit historischen und ethnographische Analysen derPraktiken von Samenbanken spüren Knecht et al. der Kommerzialisie-rung einer generativen Substanz v.a. in Deutschland nach und nehmendie»> Disziplinierung männlicher reproduktiver Zeitlichkeit«< und diekulturelle Produktion von Männlichkeiten und sozialen Beziehungenin und durch Samenbanken in den Blick. Mit dem etwas sperrigenBegriff» Kund_innen- Patient_innen« verweisen die AutorInnen da-bei auf die Verflechtungen von Handel, Konsum, Dienstleistung undBehandlung im Tätigkeitsfeld von Samenbanken. Denn medizinischeund profitorientierte Logiken durchdringen hier gleichermaßen diePraktiken und restrukturieren klassische Beziehungen und Interakti-onen zwischen MedizinerInnen und PatientInnen( S. 25 f. und 110).Darüber hinaus müssen Samenbanken Verwandtschaft über drei Jahr-zehnte hinweg managen und Angaben zum Spender für spätere Anfra-gen aufbewahren. Während donogen gezeugte Kinder( und ihr Rechtauf Kenntnis der genetischen Abstammung) rund um die Aufhebungder anonymen Samenspende 2007 als soziale Wesen ins Blickfeld der

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