Katrin Pallowski, Bernd Jurgen Warneken, Zur Sozialanthropologie des Stimmklangs
besser diagnostiziert.35 Freilich muss bedacht werden, dass bei solchenUntersuchungen nicht nur Stimmeigenschaften beurteilt werden: Dia-lektfärbung, Flüssigkeit, Artikulation, Wortbetonung kommen hier jaebenfalls ins Spiel. Validere Ergebnisse über das Erkennen gruppen-spezifischer Elemente speziell des Stimmklangs liefert das>> randomsplicing«<: das zufällige Zusammenfügen kleiner Sprechstrecken, diedurch das Zerschneiden von Tonbändern gewonnen werden. Mit die-ser Methode arbeitende Untersuchungen ergaben ebenfalls, dass diesoziale Herkunftsgruppe der> Fetzensprecher< relativ gut und besserals andere Persönlichkeitsmerkmale identifiziert wurde. 36
Distinktionsarbeit
>> Gruppenstimmen«< existieren also nicht nur an sich, als akustischesPhänomen, sondern auch für uns, als Höreindrücke. Als solche sind sieeinbezogen in den Kampf um Positionen in der gesellschaftlichen Hier-archie. Der stimmliche Habitus stellt einen Teil des kulturellen Vermö-gens dar, mit dem die einen wuchern können und die andern schlechteGeschäfte machen. Der Stimmklang gehört zum gruppenkulturell ver-schiedenen>> Stil des Mundgebrauchs«<, der sich beim Sprechen, Lachen,Gähnen, aber auch beim Essen und Trinken zeigt. 37 Wo die Forschungsich diesen Prozessen zuwendet, erweitert sich die soziale Anthropolo-gie zu einer politischen Anthropologie des Stimmklangs.
Dass der stimmliche Habitus über die soziale Anerkennung einerPerson mitentscheidet, muss nicht eine Hörkultur implizieren, in deralle oder viele die soziale Herkunft bestimmter Stimmeigenschaftenzu verorten wissen. Die Bemessung des persönlichen Stimmkapitalsgeschieht vielmehr mithilfe eines Stimmgeschmacks, der bestimmteKlänge als» zivilisiert« oder» unzivilisiert«<, als» überkandidelt<< oder» prollig«, als» selbstbewusst« oder» unterwürfig« etikettiert oder sieeinfach instinktiv als» daneben«, als kulturell illegitim empfindet. Da-bei kann es sein, dass das Stimmkapital eines Sprechers inkongruent
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Ebd., S. 347.
Eberhard Stock, in Zus.arb. mit Jutta Suttner: Wirkungen des Stimm- undSprechausdrucks. In: Eva Maria Krech u.a.: Sprechwirkung. Grundfragen, Me-thoden und Ergebnisse ihrer Erforschung. Berlin 1991, S. 59-142, hier S. 69.Pierre Bourdieu. Was heißt sprechen? Die Ökonomie des sprachlichen Tausches.Wien 1990, S. 67.
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