Bibliothek / EigenverlageÖsterreichische Zeitschrift für Volkskunde114 (2011) / N.S. 65Pallowski, Katrin; Warneken, Bernd Jürgen: Zur Sozialanthropologie des Stimmklangs

  
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Zur Sozialanthropologie des Stimmklangs
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Österreichische Zeitschrift für Volkskunde

LXV/ 114, 2011, Heft 4

individuellen Stimmumfangs zu sprechen, und sogar die Stimmfarbelässt sich in gewissem Umfang beeinflussen, wie das vom Singen herbekannt ist:» Viele Sänger können(...) mit ihrem Organ einen Um-fang oder eine Klangfarbe erzeugen, der gar nicht mit der vorhandenen anatomischen Anlage ihres gesamten Stimmorgans übereinstimmt.So kann ein Bariton dem Gehör nach die glänzende Höhe eines Te-nors vortäuschen und ebenso der Mezzosopran die hohen Töne ei-ner Sopranstimme. Im Gegensatz zur landläufigen Meinung vielerStimmpädagogen ist die Klangfarbe nicht unveränderlich, sondernkann willkürlich erhellt oder verdunkelt werden.«< 33 Der persönlicheStimmklang ist mithin, so könnte man sagen, erste, zweite und dritteNatur: ererbte Anlage, unbewusst angeeigneter Habitus und gezielte,bewusste Formung, die sich ebenfalls habitualisieren kann.

Soziotypen

Aufgabe einer sozialen Anthropologie der Stimme ist es zum einen,die synchrone Ausfächerung und den historischen Wandel von»> Sozio-typen«< des Stimmklangs näher zu untersuchen; zum andern hat sie zuklären, von wem und in welchem Ausmaß Stimmen im Sprechalltageinem Kollektivtypus zugeordnet und, vor allem: ob und von wem siein zutreffender Weise sozial verortet werden. Dieser Frage ist schon1931 das von dem Wiener Psychologen Karl Bühler geleitete» Massen-experiment<< nachgegangen, bei dem neun Personen unterschiedlichenAlters, Geschlechts und Berufs einen Text im Radio vorlasen und etwa2700 RundfunkteilnehmerInnen auf einem Fragebogen von ihnen ver-mutete Persönlichkeitsmerkmale der SprecherInnen notierten. Dabeiwurden nicht nur der einzige Unterschichtler im Ensemble von mehrals drei Viertel der HörerInnen als solcher herausgefunden, sondernauch ein Privatdozent, ein Priester, ein Mittelschüler, ein Lehrer undeine Stenotypistin- nicht mit multiple choice, vielmehr in freier Be-nennung mit der größten Prozentzahl( zwischen 35% und 45%) alsAkademiker, Mittelschüler, Lehrer und Beamtin erkannt. 34 Die Berufeder mit ihnen gleichgeschlechtlichen Sprecher wurden dabei jeweils

33 Richard Luchsinger, Gottfried E. Arnold: Lehrbuch der Stimm- und Sprachheil-kunde. Wien 1959, S. 98.

34 Herzog( wie Anm. 8), S. 328.