Katrin Pallowski, Bernd Jurgen Warneken, Zur Sozialanthropologie des Stimmklangs
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bildungsstätten finden lassen: bei Schauspielern, Geistlichen, Lehrern,Vertretern, Verkäufern, Politikern. Dasselbe gilt für gesellschaftlicheStimm- Moden, die sich über ihren sozialen Ursprung hinaus verbrei-ten. 30 Ein solches Phänomen ist bekanntlich immer wieder für den>> Leutnantston<< im deutschen Kaiserreich behauptet wordenvon Friedrich Nietzsche:» Etwas Höhnisches, Kaltes, Gleichgültiges,Nachlässiges in der Stimme, das klingt jetzt den Deutschen> vornehm<- und ich höre den guten Willen zu dieser Vornehmheit in den Stim-men der jungen Beamten, Lehrer, Frauen, Kaufleute; ja die kleinenMädchen machen schon dieses Offizierdeutsch nach. Denn der Offi-zier, und zwar der preußische, ist der Erfinder dieser Klänge(...).« ³1Die pathetisch- vibrierende Rednerstimme wiederum, deren sich Hit-ler häufig bediente, lässt sich, wie frühe phonographische Aufnahmenvon Schauspielern, Rezitatoren und Politikern belegen, als Spielart desWiener Burgtheaterstils begreifen, der zu Anfang des 20. Jahrhunderts>> die Bühne verließ und in die Vortragssäle und politischen Lokaledrang.<< 32 Freilich ist bei solchen Aussagen immer zu klären, inwieweitsie sich tatsächlich auch auf den Stimmklang oder nur auf Merkmaledes Sprechstils, z. B. Rhythmus, Tempo, Satzmelodie beziehen, dieeher mit der Sprechsituation wechseln können als die inkorporiertenEigenschaften der Stimmlage, Stimmstärke und Stimmqualität.
Dass sich bei Schauspielern, Politikern und ähnlichen Sprechberufenzu bestimmten Zeiten einige ähnliche Stimmmerkmale finden, ist nunallerdings nicht nur die spontane Folge von Anpassungsprozessen. Eshandelt sich hier teilweise um Ergebnisse bewusster Schulung und be-stimmter Schulen des Sprechens. Dabei geht es nicht nur um die Ein-übung einer Atemtechnik und einer Körperhaltung, welche z. B. dasDurchhalten eines kräftigeren Stimmausdrucks fördert. Man kann sichauch angewöhnen, eher im oberen oder eher im unteren Bereich des
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Von solchen Moden spricht bereits Moses:»(...) Stimm- Moden ändern sich heut-zutage rascher denn je. Mehr Menschen denn je werden rascher beeinflußt. Dieenorme> Stimmerfahrung< durch so viele neue Quellen der Stimmreproduktionist wohl die Ursache.«( Moses[ wie Anm. 27], S. 48 f.)
Friedrich Nietzsche: Die fröhliche Wissenschaft. In: Ders.: Werke in drei Bän-den, hg. von Karl Schlechta. Bd. 2, München 1955, S. 7-274, hier S. 110 f.Burkhard Müller: Wahre Redekunst bedarf des Streits. In: Süddeutsche Zeitung,14./15.11.2009.
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