Literatur der Volkskunde
Siglinde Clementi( Hg.): Zwischen Teilnahme und Ausgrenzung.
Tirol um 1800- Vier Frauenbiographien(= Veröffentlichungen desSüdtiroler Landesarchivs, Bd. 32). Innsbruck: Universitätsverlag Wagner2010, 176 Seiten, 32 Abbildungen.
Den Fokus auf involvierte Frauen zu richten, war höchst an der Zeitnach einer über Jahrhunderte andauernden Instrumentalisierung derTiroler Freiheitskämpfe, die vornehmlich an männlichen Protagonis-ten vollzogen wurde. Mit der Absicht diese Forschungslücke zu schmä-lern, stellt vorliegender Sammelband exemplarisch vier Tiroler Frauenvor, die allesamt eine bedeutende Rolle in der Tiroler Erinnerungs-kultur innehaben, deren Biographien bislang jedoch nur randständigewissenschaftliche Beachtung fanden: Katharina Lanz, Giuseppina Ne-grelli, Margaretha von Sternbach und Anna von Menz. Anhand dervier Beispielfälle zeichnet die Aufsatzsammlung ein differenziertes wiedynamisches Bild der historischen Geschlechterverhältnisse in Tirol,mit einem zeitlichen Schwerpunkt auf der Wende vom 18. zum 19.Jahrhundert. Durch die Dekonstruktion der Heldinnenmythen findetdiese Diskussion auch eine Fortführung bis zur Gegenwart. Für ihreDarstellungen wählten die fünf Historikerinnen aus Italien und Ös-terreich verschiedene Zugänge- die Dekonstruktion des Mythos, dieBiographie und die Fallstudie mit einem Schwerpunkt auf den Wandelder Geschlechterverhältnisse, der Liebes- und Ehekonzepte.
Gleich der erste Beitrag( Margareth Lanzinger und Raffaella Sarti)über» Das> Mädchen von Spinges«« sprengt den Rahmen einer biogra-phischen Darstellung- und das mit gutem Grund: Denn die histori-sche Authentizität dieser Tiroler Heldin konnte bis heute nicht restlosgeklärt werden. Identifiziert mit dem Namen Katharina Lanz findetsich jedoch eine Symbolfigur ins kollektive Bewusstsein der Tirolereingeschrieben: eine junge Frau, die sich auf einer Friedhofsmauerstehend und lediglich mit einer Heugabel bewaffnet mutig den fran-zösischen Angreifern entgegenstellt. Obwohl die Szenerie nicht derTiroler Erhebung des Jahres 1809, sondern einer Episode von 1797 ausdem ersten Koalitionskrieg entstammt, wurden die beiden Ereignissein der Erinnerungskultur vielfach miteinander in Verbindung gesetzt.Welche Wendungen die Legendenbildung um Katharina Lanz nahm,zeigen die Autorinnen anhand einer minutiös recherchierten Instru-mentalisierungsgeschichte auf, deren Agitatoren sich eines breiten me-
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