Literatur der Volkskunde
Heidi Niederkofler, Maria Mesner, Johanna Zechner( Hg.): Frauentag!Erfindung und Karriere einer Tradition.
Begleitbuch zur Ausstellung» Feste. Kämpfe. 100 Jahre Frauentag«<,veranstaltet vom Kreisky- Archiv, vom Johanna Dohnal Archiv und vomÖsterreichischen Museum für Volkskunde vom 4. März bis 30. Juni 2011im Österreichischen Museum für Volkskunde
(= Kataloge des Österreichischen Museums für Volkskunde, Bd. 93).Wien: Löcker Verlag 2011, 342 Seiten, zahlr. farb. Abb.
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Alles könnte sehr viel einfacher sein, wäre es nur möglich, das EreignisFrauentag an Eindeutigkeiten festzumachen, konkret an handfestenhistorischen Bezugspunkten – an einer als Gründungsfigur tauglichenPerson mit Strahlkraft, an einer Pionierin, einer» Heldin« am besten,an einer» Tradition«, einem Gründungmythos, zumindest an einem fi-xen Datum. Die Herausgeberinnen des Begleitbuches zur Ausstellung>> Feste Kämpfe. 100 Jahre Frauentag« Heidi Niederkofler, Maria Mes-ner und Johanna Zechner- alle drei auch Kuratorinnen der am 3. März2011 im Österreichischen Museum für Volkskunde in Wien eröffne-ten Ausstellung und Initiatorinnen des Gesamtprojektes» 100 JahreFrauentag«<- setzen hingegen auf Vieldeutigkeit und Dekonstruktionund präsentieren erhellende Ergebnisse. Dadurch, dass das KonzeptJubiläum selbst, seine Inszenierung und die Herausbildung von Grün-dungshistorien ins Zentrum des Erkenntnisinteresses gesetzt und dendaraus resultierenden Ambivalenzen peinlich genau nachgespürt wur-de, konnte ein detaillierter Bericht zur Geschichte des österreichischenFrauentages entstehen, der auf die Vielzahl der existierenden Wahrhei-ten und Wirklichkeiten nicht nur hinweist, sondern diese gleichwertignebeneinander bestehen lässt, um sie im Bezug auf ihre Verschränkun-gen und Bedeutungen befragen zu können.
Die ersten sechs Beiträge beleuchten lückenlos einander chrono-logisch folgende Zeitabschnitte. Dies gibt den Blick auf divergierendegeschlechterpolitische Positionen, Haltungen, Forderungen und Stra-tegien frei und ermöglicht jeweils vergleichende Analysen. Zunächsteröffnet Heidi Niederkofler mit einem ausführlichen Überblick zu denvoneinander abweichenden und zueinander in Konkurrenz stehendenGründungsgeschichten zum Frauentag. Sie setzt sich insbesondere mitden ihnen immanenten Bezugnahmen auf die Vergangenheit, der Be-mühung um die Herstellung von Eindeutigkeit und der ideologischen
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