Silke Meyer, Prekäre Beziehungen
Prekäre Beziehungen oder>> credit to go<<
Im 20. Jahrhundert durchläuft das Kreditwesen eine Reihe von kon-sumgesellschaftlichen Entwicklungen, welche den sozialen Charakterder Verschuldung verändern. Diese Verschiebung der Eigenlogik desKredits findet in zwei Phasen statt, welche mit zwei Kreditwellen ein-hergehen. Die erste erhöhte Nachfrage nach Krediten lässt sich vonder Mitte der 1950er- bis in die Mitte der 1960er- Jahre hinein datie-ren. Bei steigendem Einkommen, gesicherten Arbeitsplätzen und ei-ner sich konsolidierenden wirtschaftlichen Lage stieg die Bereitschaft,für begehrte Objekte wie Radios, Möbel und Haushaltsgeräte sowieMotor- Roller und Autos Kredite aufzunehmen.32 Nicht nur Konsum-bedürfnisse konnten auf Kredit befriedigt werden, sondern auch Stu-fen der Lebensplanung wie eine Hochzeit oder die Versorgung vonKindern gehörten in der Bankwerbung zu kreditwürdigen Anlässen.Kredite werden damit institutionalisiert und demokratisiert, sie wer-den zu alltäglichen Lebenshilfen und gelten als gängige Unterstützungder Kaufkraft. Ihre kleinbürgerliche Stigmatisierung als leichtfertigeLebensart und als Mittellosigkeit weicht der kulturellen Logik der Zu-gehörigkeit und der Auszeichnung mit Bonität.
Eine zweite Kreditphase folgte ab den 1990er- Jahren, ebenfalls zueiner Zeit mit einem hohen Einkommensniveau und sicherem Arbeits-markt. Warum aber führt diese Kreditwelle in die eingangs beschriebe-ne Schuldenkrise? Schuldnerberatungen geben an, dass besonders hoheZahlungsausfälle bei den neuen Kreditprodukten wie beispielsweisebei Kartenzahlungen, bei Sofortkrediten oder Online- Krediten auftre-
31 23. September 1832. Williard Bissell Pope( Hg.): The Diary of Benjamin RobertHaydon. Bd. 3. Cambridge, MA 1960–1963, S. 636-637, zitiert nach Finn( wieAnm. 13), S. 69.
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Britta Stücker: Konsum auf Kredit in der Bundesrepublik. In: Vierteljahresschriftfür Wirtschafts- und Sozialgeschichte 2, 2007, S. 63-88; Toni Pierenkemper, Al-fred Reckendrees: Die bundesdeutsche Massenkonsumgesellschaft 1950-2000.Berlin 2007. Den Wandel vom Sparen zum Borgen zeichnet auch Rebecca Belve-deresi- Kochs nach, siehe: Moral or modern marketing? Sparkassen and consumercredit in West Germany( 1945-1970s). In: Jan Logemann( Hg.): The Develop-ment of Consumer Credit in Global Perspective: Business, Regulation, and Cul-ture. New York 2011. Im Druck.
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