166 Österreichische Zeitschrift für Volkskunde
LXV/ 114, 2011, Heft 2
treidesamen. Immer aber gilt, dass die Kreditbeziehung keine reinökonomische, sondern auch eine soziale ist.³
Diese Prämisse lässt sich von den in der Wirtschaftsethnologie vor-rangig untersuchten nicht- industrialisierten Gesellschaften außerhalbEuropas auf die deutsche Gegenwartsgesellschaft übertragen. Auchhier müssen Kreditpraktiken als soziales und kulturelles Handeln ge-deutet werden, und auch hier gilt die Forderung nach der kulturellenEinbettung ökonomischer Handlungen. Gerade für die Kreditpraxis,in der institutionelles wie persönliches Vertrauen eine wichtige Rollespielen, lässt sich eine Trennung von Ökonomie und Kultur nicht auf-rechterhalten, die Untersuchung ökonomischer Akteure braucht im-mer auch den Blick auf ihre Kulturalität.
Einer Reihe von Wissenschaften ist dies wohlbekannt. 4 Die Kluftzwischen dem Modell eines universellen und ahistorischen homo oeco-
3 Der Verschränkung von Markt- und Gesellschaftsinteressen widmet sich seit KarlPolanyi die substantivistische Wirtschaftsethnologie, welche aus der Abgrenzungzu formalistischen Modellen wie der Vorstellung eines rein am Eigennutzen in-teressierten homo oeconomicus entstanden ist. In der gegenwärtigen ökonomisch-anthropologischen Forschung ist die Frage nach der Dialektik von Rationalitätund kulturspezifischer Reziprozität allerdings selbstverständlich geworden. Sie-he zur Entwicklung der ökonomischen Anthropologie Chris Hann, Keith Hart:Economic Anthropology. Cambridge 2011, darin besonders S. 55-71 zur Ent-stehung der beiden Schulen des Formalismus und des Substantivismus und S.83-88 zur kulturalistischen Wende in der Wirtschaftsethnologie. Aus letztererentwickelt Stephen Gudeman seine Thesen von der lokalen Konstruktion vonWirtschaft(» people's own economic construction«), Stephen Gudeman: Econo-mics as culture: Models and metaphors of livelihood. London 1986, S. 1; Ders.:The Anthropology of Economy. Community, Market, and Culture. Malden u.a.2001 und Ders.: Economy's Tension. The Dialectics of Market and Community.Malden u.a. 2008; für historische Studien siehe den Sammelband von WolfgangReinhard, Justin Stagl( Hg.): Menschen und Märkte. Studien zur historischenWirtschaftsanthropologie. Wien et al. 2007, unter Einbezug besonders der fran-zösischen Ethnologie Axel T. Paul( Hg.): Ökonomie und Anthropologie. Berlin1999. Ich danke beiden Gutachtern/ Gutachterinnen für ihre Literaturhinweiseund Kommentare.
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Einen umfangreichen interdisziplinären Überblick über Berührung und Über-schneidung von rationaler Ökonomie und subjektivem Handeln verschaffenFrank Adloff, Steffen Mau: Zur Theorie der Gabe und Reziprozität. In: Dies.( Hg.): Vom Geben und Nehmen. Zur Soziologie der Reziprozität. Frankfurt a.M., New York 2005, S. 9-57; Hartmut Berghoff, Jakob Vogel: Wirtschaftsge-schichte als Kulturgeschichte, S. 9-42; Christoph Conrad:» How much, schatzi?<<