Jahrgang 
114 (2011) / N.S. 65
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Literatur der Volkskunde

und damit der Verzicht auf reißerische, auf den literarischen Marktgemünzte Zitate-, die den Respekt der Herausgeberin gegenüber ihrerhistorischen Protagonistin bezeugt. An die im Gegensatz dazu unerbitt-liche Sachlichkeit und Banalität, mit der die öffentlichen Institutionenjede Biographie von der Wiege bis zur Bahre begleiten, erinnert die al-lerletzte Fuẞnote der Quellenedition: Die beiden Blätter von Wetti Teu-schls Testament wurden» mit je 0,68 RM vergebührt<<.

Jens Wietschorke

Anita Aigner( Hg.): Vernakulare Moderne. Grenzüberschreitungenin der Architektur um 1900. Das Bauernhaus und seine Aneignung.Bielefeld: Transcript Verlag 2010, 327 Seiten.

Für eine transdisziplinär erweiterte Architektur- und Bauforschung,konkret für die Zusammenarbeit zwischen Architekturtheorie und-ge-schichte und Europäischer Ethnologie wäre der vorliegende Band einguter Ausgangspunkt. Die Entdeckung des Bauernhauses um 1900 istmethodologisch wie praxeologisch für die Europäische Ethnologie vonherausragender Bedeutung; und welches Gewicht diese Entdeckung fürdie Architekturforschung haben kann, darauf verweisen die Texte undThesen des Bandes. Jenseits der, wie die Herausgeberin Anita Aigner inihrem Aufsatz zu Le Corbusier betont, Routinen» architekturgeschicht-lichen Kommentierens, das an die Würdigung der Leistungen des Au-tors und die Erforschung der formalen Besonderheit seiner Produktegeknüpft ist<<( S. 312), werden hier Modelle und Muster von Diskursendekonstruiert, die das Bauernhaus als Projektionsfläche nutzen. Nichtnur in der inhaltlichen Interessenlage, sondern auch in der Verfahrens-weise treffen sich also die beiden Disziplinen.

Anita Aigner, Assistenzprofessorin an der TU Wien, die sich unteranderem mit Fragen der Geschichte der Profession des Architekten be-schäftigt, fordert in einer programmatisch angelegten Einführung eine» Verschiebung des Interesses an architektonischer Moderne zu> Ar-chitektur in der Moderne««<( S. 11). In der Konsequenz bedeute dies dieErweiterung des Fokus auf die gesamte Bautätigkeit, insbesondere aberdie verstärkte Aufmerksamkeit für Mischformen, Überlagerungen und

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